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Seltene schwere Nebenwirkungen : Die große Unbekannte im Astra-Zeneca-Impfstoff

Schwere Nebenwirkungen nach einer Covid-19-Impfung sind extrem selten. Bild: Picture-Alliance

Hinter der sehr seltenen Entgleisung nach einer Astra-Zeneca-Impfung verbirgt sich eine ganze Kaskade von Immunreaktionen. Was läuft schief? Greifswalder Forscher kommen den Auslösern offenbar näher.

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          Eine fatale Kaskade von Immunreaktionen, die mutmaßlich auf die spezielle Zusammensetzung des Impfstoffes zurückzuführen ist, soll zu den seltenen schweren Nebenwirkungen führen, die zur Anwendungseinschränkung des Astra-Zeneca-Impfstoffs „Vaxzevria“ für unter 60-Jährige in Deutschland geführt haben. Das berichtete Andreas Greinacher von der Universität Greifswald nach Veröffentlichung eines neuen, noch nicht begutachteten Fachartikels auf der Online-Plattform „Research Square“.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die seltenen Venenthrombosen mit einer gleichzeitig auftretenden Gerinnungsstörung sei „sehr wahrscheinlich ein Klasseneffekt“ der Vektorimpfstoffe, bei denen der eigentliche Impfstoff mit Hilfe sehr spezieller Adenoviren in den Körper injiziert wird. Bei mRNA-Viren seien die unerwünschten Folgeschäden, die die Bezeichnung „Vaccine-induced immune thrombotic thrombocytopenia“ – kurz VITT – erhalten haben, nicht zu erwarten. Und auch andere Vektorimpfstoffe, zu denen beispielsweise „Sputnik V“ oder der Impfstoff von Johnson & Johnson zählen, müssten nicht notwendigerweise betroffen sein. Allerdings ist das noch nicht untersucht worden.

          Etwa achtzig der lebensbedrohlichen Nebenwirkungen, mehrheitlich Hirnvenenthrombosen, sind bisher in Deutschland gemeldet worden. Europaweit sollen es mehr als 150, weltweit ungefähr 200 Meldungen sein. Auf 100.000 Impfungen mit den Vakzinen tritt nach offiziellen Schätzungen eine solche schwere Nebenwirkung ein. „Um die Ursache in allen Details aufzuklären, dauert es vielleicht noch Jahre“, sagte Greinacher in einer internationalen Pressekonferenz. Er und sein Team seien sich aber sicher, den Ursachen nach einigen Wochen Laborarbeit auf der Spur zu sein.

          Andreas Greinacher von der Universität Greifswald.
          Andreas Greinacher von der Universität Greifswald. : Bild: dpa

          Fehlreaktion startet kurz nach der Impfung

          Insgesamt handelt es sich um eine ganze Kaskade von Reaktionen, die nach der Impfung ausgelöst werden. Beteiligt daran sollen einige der mehr als tausend Proteine sein, die bei der Herstellung und Formulierung des Adenoviren-Vektor-Impfstoffs enthalten sind, und auch Anteile der Adenoviren-Hülle selbst. Welche das im einzelnen genau sind, ist offenbar unklar. Die ersten deutlichen Symptome der Blutverklumpungen in den Venen – Kurzatmigkeit, Brustschmerzen, Beinschwellungen oder anhaltende Bauchschmerzen etwa – treten zwar frühestens nach vier bis fünf Tagen nach der Impfung auf (bei anderen Impflingen später), aber die eigentliche Fehlreaktion des Immunsystems startet bereits kurz nach der Impfung. Da beginnt ein entzündlicher Prozess, eine sehr übliche und evolutionär sehr alte Immunreaktion, die gegen Inhaltsstoffe des Impfstoffs gerichtet sind. Auffällig in Greinachers Experimenten war die vergleichsweise hohe Konzentration des Komplexbildners EDTA in dem Astra-Zeneca-Impfstoff, der industriell in großem Maßstab produziert und als reaktionsfreudige Substanz etwa harmlosen Reinigungsmitteln oder Agrochemikalien zugesetzt wird. Das EDTA könnte rund um die Einstichstelle die Durchlässigkeit für weitere Proteine führen, die an der Reaktion beteiligt sind.

          Die verdächtigten Impfstoff-Inhaltsstoffe dürften Greinacher zufolge ein noch genauer zu bestimmender Kofaktor der fehlerhaften Immunreaktion sein. Zusammen mit dem Adenovektoren-Proteinen, die sich an die Blutblättchen binden können, wird der Prozess eingeleitet. Die Blutplättchen werden aktiviert, die daraufhin den Plättchenfaktor 4 ins Blut abgeben. Dieser verbindet sich mit den Proteinen zu relativ großen Komplexen, die daraufhin eine Folgereaktion auslösen: Antikörper vom Typ Immunglobulin-G attackieren diese PF-4-Komplexe. Das passiert alles innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden und kann etwa durch Fieber und akute Schmerzen bis hin zu Schüttelfrost bemerkt werden. Danach erst beginnen die nächsten Stufen, die später zu den Thrombosen und Gerinnungsstörungen führen.

          Unklarheiten beim Alter

          Die akute Entzündung ruft B-Immunzellen auf den Plan, die Autoantikörper gegen die PF-4-Komplexe bilden. Dies löst an der Oberfläche der Blutplättchen bei den wenigen Betroffenen eine Art immunologische Kettenreaktion aus, an der neben speziellen Immunzellen wie Granulozyten und Monozyten sowie Teilen des Komplementsystems auch ein DNA-zersetzendes Enzym – DNAse – beteiligt ist. Dieses soll die aus Granulozyten freigesetzte DNA zersetzen. Bei den VITT-Betroffenen ist die Aktivität dieses Enzyms aber deutlich reduziert, und möglicherweise ist das ein Grund, warum die Immunreaktion am PF-4-Komplex ungebremst weiterläuft.

          Warum die fehlgeleitete Reaktion nur bei wenigen und ausgerechnet bei jüngeren Menschen stattfindet, bleibt unklar. Vielleicht, so spekulierte Greinacher, „fallen bei den Betroffenen eben alle die natürlich eingebauten Bremsen, die das Immunsystem unter Kontrolle halten könnten, gleichzeitig aus“.

          Derzeit arbeitet das Team um Greinacher mit Impfexperten von Johnson & Johnson zusammen, um zu klären, ob bei dem frisch in der EU zugelassenen Vektor-Impfstoff ähnliche Kollateralschäden zu erwarten sind.

          Ob eine der seltenen Entgleisungen des Immunsystems im Gang ist, lässt sich nach den ersten Symptomen – nach einigen Tagen also erst – mit Hilfe eines Elisa-Bluttests feststellen. Die Betroffenen können dann mit Immunglobulin-Cocktails behandelt werden, die bei anderen Autoimmunleiden auch eingesetzt werden.

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