https://www.faz.net/aktuell/wissen/naturphaenomen-im-winter-am-waldboden-was-ist-haareis-17743897.html

Ganz so lang wächst die Haareis-Mähne nicht, aber zwanzig Zentimeter können die Eis-Strähnen schon messen. Bild: Charlotte Wagner

Spektakuläres Naturphänomen : Holz mit Haarpracht

Im Winter entdeckt man es am Waldboden: Ein toter Ast, aus dem ein Büschel langer, weißer Haare wächst. Ist es ein Pilz? Merkwürdige Eiszapfen? Was genau ist dieses „Haareis“?

          2 Min.

          Im Januar ist ein Waldspaziergang vergleichsweise öde. Man trottet entlang nackter Bäume, für erste Blätter ist es zu kalt, für verzauberte Schneelandschaften zu warm. Schon bald aber werden die Temperaturen höher klettern, Krokusse den Frühling einläuten, und dann sprießt und knospt es überall, und man kann wieder staunen, über die vielen Wunder von Mutter Natur.

          Johanna Kuroczik
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch Obacht, findiger Waldfreund, denn nur jetzt, in diesen vermeintlich kargen Winterwochen, wenn das Thermometer etwas unter null Grad anzeigt und kein Schnee liegt, lässt sich ein spektakuläres Naturphänomen beobachten: Aus einem Ast, der am Boden verrottet, sprießen weiße, dünne Stängelchen im Pulk, hübsch gescheitelt und etwas gewellt. Es schaut aus, als sei dem Totholz ein Büschel Haare gewachsen, als trüge es eine Greisenperücke. Daher rührt der Name der faszinierenden Winterkuriosität: Haareis.

          Beim flüchtigen Hinschauen denkt man womöglich an einen Pilz, etwa einen der weißen Stachelbartverwandten, die teils angenehm nach Rettich schmecken. Wer versucht, ins Haareis zu beißen, merkt: Es ist tatsächlich gefrorenes Wasser. Ge­schmolzen ist es allerdings nicht klar wie Regen oder Eiszapfen, sondern steckt voller Kohlenstoffverbindungen, wie Diana Hofmann, Chemikerin und Analytikerin am Forschungsinstitut Jülich, 2015 berichtete. Zwei Schweizer Forscher, der Zoologe Gerhart Wagner und der Physiker Christian Mätzler, rätselten jahrelang in einer privaten Leidenschaft über die biophysikalischen Hintergründe der winterlichen Holz-Frisur und baten irgendwann Diana Hofmann um Hilfe. Nach Elementaranalyse, Elektrophorese und allem, was es an massenspektrometrischen Kopplungstechniken so gab, stand fest: Im Haareis stecken die abgebauten Pflanzen-Makromoleküle Lignin und Tannin.

          Und auch ein Pilz hat seine Myzelien im Spiel. Eine eifrige Hobbymykologin fand heraus, dass die Rosagetönte Gallertkruste (Exidiopsis effusa) auf allen Holzproben vorkam. Dass ein Pilz beteiligt sein könnte, vermutete schon der Polarforscher Alfred Wegner 1918 in einer der wenigen Publikationen zum Winterphänomen. Er war bei einem Spaziergang durch die Vogesen auf einen vom Eis frisierten Ast gestoßen und erkannte durch Experimente, dass es nicht auf jedem Stück Laubholz wächst.

          Welche Bedingungen herrschen müssen, damit Haareis wächst

          Damit es sprießt, muss es kräftig regnen oder schneien, sodass das tote Holz klitschnass ist. Sinken dann die Temperaturen unter den Gefrierpunkt, wird das Werk der Rosagetönten Gallertkruste sichtbar. „Dieser Pilz scheint zunächst alles, was besonders nahrhaft ist, für seinen Stoffwechsel zu verbrauchen, und den Rest, wie Lignin und Tannin, befördert er durch die Markstrahlen des Holzes nach außen“, erklärt Hofmann. Dort dienen sie als Kristallisationskeime für Wasser, das aus den Markstrahlen des Holzes austritt und nun haarförmig gefriert. Dies publizierten die Forscher 2015 in „Biogeosciences“, und die Forschung geht weiter: Für die Stabilität der Haare – die Eisfäden sind teils nur 0,02 Millimeter dick – sind vermutlich Proteine verantwortlich, sogenannte Rekristallisationsinhibitoren, meint Hofmann. „Doch es gelang uns noch nicht, genügend sauberes Material des Pilzes zustande zu bringen, um sein Genom zu analysieren.“ Denn ein toter Ast ist für viele eine Festtafel, und so tummeln sich hier verschiedenste Pilze, Mikroorganismen und Tierchen.

          Zwar ist Haareis im Labor nicht gerade pflegeleicht, in der Natur kommt es aber zunehmend häufiger vor, so empfindet es Hofmann. Möglicherweise ist das milderen Wintern geschuldet. Man halte also beim nächsten Waldspaziergang Ausschau danach. Dieses Wochenende wird es leider vielerorts wohl zu warm sein. Vielleicht lassen sich dafür schon erste Krokusse blicken.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Manuela Schwesig am 12. Mai in Schwerin

          „Offiziere Russlands“ : Schwesig und ein ominöser russischer Verein

          Vor einem Jahr nahm Ministerpräsidentin Manuela Schwesig an einer Gedenkveranstaltung in Greifswald teil. Initiiert hatte sie ein russischer Ukraine-Hasser und Stasi-Freund, der einen dubiosen Verein vertritt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Zertifikate
          Ihre Weiterbildung in der Organisations- psychologie
          Sprachkurse
          Lernen Sie Italienisch
          Stellenmarkt
          Jobs für Fach- und Führungskräfte finden