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Zitrusseuche : Wer rettet die Orange?

Wie aus dem Bilderbuch: Orangen sind die beliebtesten Vitaminspender überhaupt Bild: Getty Images

Zu Weihnachten liegen auf vielen Gabentellern Orangen – doch die sind bedroht. Ein zäher Schädling bedroht die Ernte. Nur noch die Gentechnik verspricht Rettung. Eine Reise über vier Kontinente.

          Erst mal zu Penny, sagt die Werbung. Im Frankfurter Gallusviertel sitzt das Geld nicht ganz so locker, der Discounter stellt sich mit Aktionspreisen darauf ein. Ein Kilo Bioorangen, teils verschimmelt, bleiben für 1,69 Euro liegen. Vierzig Cent weniger kostet die doppelte Menge Navelina aus Spanien, Handelsklasse I. Dass die Früchte so makellos aussehen, ist schnell erklärt: Sie sind mit Imazalil behandelt, einem Mittel gegen Schimmelpilze, und mit Orthophenylphenol, das ähnliche Wirkung entfaltet. Aber aufs Kleingedruckte achtet die Kundschaft weniger. Hauptsache, Vitamine.

          Jörg Albrecht

          Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Orangen gehören in Deutschland zu den Grundnahrungsmitteln. Auch wenn sie hier nicht wachsen. Wie alle Zitrusfrüchte vertragen sie keinen Frost, deshalb liegen Europas Anbaugebiete rund ums Mittelmeer. Woher die Ware kommt und wie sich der Preis entwickelt, notiert allwöchentlich die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Hundert Kilo spanische Orangen kosten zurzeit auf dem Frankfurter Großmarkt zwischen 65 und 97 Euro. Da haben sie schon einen weiten Weg hinter sich: Von Valencia nach Frankfurt sind es knapp 1700 Kilometer.

          Das Image der Orange, die früher Fürsten vorbehalten war, rangiert noch unter dem von Zuchtlachs: spottbillig und auf jedem Frühstücksbuffet zu finden. Um es aufzupolieren, warf sich vor zwanzig Jahren noch der Großimporteur Rolf Dittmeyer in die Bresche. Als „Onkel Dittmeyer“ warb er in Werbespots persönlich für Fruchtsaft, den er auf seiner Finca kleinen Mädchen ins Glas goss. Ganz so idyllisch ging es aber schon damals nicht zu. Orangen sind ein Massengeschäft. Rund fünfzig Millionen Tonnen werden jährlich auf der Welt geerntet. Das sind, bei einem Durchschnittsgewicht von zweihundert Gramm, 250 Milliarden Stück. Ohne Pestizide, ohne künstliche Bewässerung, ohne Einsatz schlecht bezahlter Lohnsklaven geht es dabei nicht. Oder vielleicht doch?

          Bétera, Provinz Valencia

          Neben der Landstraße öffnet sich ein Gittertor. Man rollt über eine lange Zufahrt, an deren Ende das rote Haus steht, eine masía, erbaut vor mehr als hundert Jahren. Ansonsten nichts als Felder, Licht und Ruhe. Und gelegentlich ein Hund, der durchs Bild läuft.

          Bilderstrecke

          „Wir wollen, dass alles ineinandergreift“, sagt Gónzalo Úrculo von der Firma Naranjas del Carmen: „Die Hunde jagen die Kaninchen und verteidigen so die Orangenbäume. Und wir braten dann die Kaninchen.“ Naranjas del Carmen ist eine junge Plantage mit einem ungewöhnlichen Geschäftsmodell. Die Finca verbindet die Tugenden eines Biobauern mit dem Service eines modernen Online-Vertriebs. „Wir liefern höchste Qualität. Und wir liefern schnell“, sagt Gonzálo Úrculo.

          Zusammen mit seinen Geschwistern Gabriel, Fernando und Patricia hat er die Idee in die Tat umgesetzt. Naranjas del Carmen bedient nicht Großhändler oder Supermärkte, sondern einzelne Kunden, und zwar in ganz Europa. Per Kurier werden Kisten von zehn oder fünfzehn Kilo auf den Weg gebracht. Man kann auch ein Abo bestellen, dann wird es billiger. Zwei Drittel der Käufer sind Spanier, ein Drittel Deutsche. Letzteres hat mit Úrculos Studium in Berlin zu tun – er weiß, dass es eine Kundschaft gibt, der es nicht egal ist, wie die Zitrusfrüchte reifen und unter welchen Bedingungen sie auf den Tisch gelangen. Kommt vormittags per Mail, Telefon oder über den Nachrichtendienst WhatsApp eine Bestellung rein, wird sie noch vor 14 Uhr bearbeitet. Pflücken und Verpacken sind praktisch eins. Geliefert wird in Spanien innerhalb von 24 Stunden, nach Deutschland innerhalb von drei Tagen. „Nur so bekommt der Kunde erstklassige Ware“, sagt Gonzalo Úrculo. Dass die Orangen weder gespritzt noch gewachst werden, versteht sich von selbst.

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