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Kirschessigfliege bedroht Weinbau : Die hat einfach zu viel Nachwuchs

Wenn die Beerenhaut beschädigt ist, drohen Fäule und Essiggärung Bild: dpa

Es könnte ein guter Jahrgang werden. Wenn die Kirschessigfliege nicht wäre. Heuer tritt sie zahlreich wie nie auf. Wie schädlich ist sie wirklich? Und wie wird der Winzer sie wieder los?

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          Es dauert eine Weile, bis sich die Fliege endlich blicken lässt. Zuvor waren wir durch die Reben gelaufen, die blauen Spätburgundertrauben hingen ordentlich links und rechts der kleinen Wege am Westhang des Freiburger Lorettobergs mitten im Stadtgebiet. Manche Weinbeere sah mit einem großen Loch in der Haut wie angebissen aus, bei anderen fehlte sogar das gesamte Fruchtfleisch, die Hülle hing verschrumpelt von der Rebe. Wespen und Vögel waren das, erklärt der Biologe Michael Breuer vom Freiburger Weinbauinstitut (WBI); mit dem Schädling, den wir suchen, hätte das nichts zu tun.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn die gefürchtete Kirschessigfliege eine Traube befällt, sieht man das zunächst gar nicht, so winzig sind die Blessuren in der Beerenhaut. Überhaupt sind die Verhältnisse an diesem Tag und an diesem Ort nicht besonders günstig für die Beobachtung von Drosophila suzukii. Die Nachmittagssonne, scheint direkt in die Reben, Laub und sonstiger Bewuchs sind größtenteils entfernt, die Trauben hängen offen im Licht, schattige Plätze sind rar - solche Verhältnisse hat die Kirschessigfliege gar nicht gern. Immerhin ein Exemplar entdecken wir nach einer Weile Suchen auf einer im Schatten hängenden Beere. Ein Männchen, überraschend klein und gut zu erkennen an den schwarzen Punkten auf den Flügeln. Ungefährlich, solange es sich nicht fortpflanzt.

          So einen Legeapparat haben heimische Essigfliegen nicht

          Andernorts ist das Tier umso auffälliger. „In diesem Jahr haben wir beobachtet, dass in Südbaden die Brombeeren, Himbeeren und Kirschen teilweise stark befallen sind“, sagt Rolf Steiner, der Leiter des WBI. Vor einigen Wochen habe man den Schädling dann auch in den früh reifenden roten Rebsorten wie Acolon, Dunkelfelder, Dornfelder und Regent gefunden. In Einzelfällen sei der Ertrag dadurch halbiert worden. Die Angst vor der Kirschessigfliege sorgte in den vergangenen Wochen für volle Säle bei Informationsveranstaltungen für die betroffenen Winzer. Baden-Württembergs Landwirtschaftsminister ließ sich befallene Rebstöcke zeigen, und im WBI, berichtet Rolf Steiner, meldeten sich ständig Interessierte, die den Forschern erklärten, wie man der Plage Herr werden könne oder was das WBI doch mal untersuchen solle. Die Unsicherheit ist groß, auch weil die Kirschessigfliege bei uns ein neues Phänomen ist. Ursprünglich in Asien heimisch, wo sie 1931 zum ersten Mal beschrieben wurde, ist sie erst seit drei Jahren überhaupt in Deutschland präsent. Ein Jahr zuvor, das Tier war schon in Südtirol und in Spanien gesichtet worden, warnten Peter Baufeld, Gritta Schrader und Jens-Georg Unger im Journal für Kulturpflanzen vor dem „polyphagen Schadorganismus, der alle weichfleischigen Obstarten und alle Weinsorten befällt“.

          Die Biologen vom Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen wiesen auf die extrem rasche Vermehrung des Tiers hin, das es auf bis zu 13 Generationen im Jahr bringt, weil es vom Ei bis zum geschlechtsreifen Weibchen nur 14 Tage benötigt und dann etwa vierhundert Eier ablegen kann. Eine weitere Besonderheit von Drosophila suzukii zeigt Michael Breuer im hauseigenen Labor des WBI unter dem Mikroskop: Am Rumpf des Weibchens befindet sich ein Legeapparat, der aus zwei sägezahnartigen Auswüchsen besteht - heimische Essigfliegen besitzen so etwas nicht. Die Kirschessigfliege ritzt damit höchst effektiv die Haut von Beeren an, um ihre Eier zu plazieren.

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