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Wechseljahre : Fragwürdiger Hormonersatz aus Pflanzen

  • -Aktualisiert am

Immerhin wirksam, wenn auch mit Risiken verbunden: die Traubensilberkerze Bild: Paintmaster

Seitdem immer weniger Frauen in den Wechseljahren Östrogene bekommen, blüht der Markt für Pflanzenpräparate. Wie neuere Studien zeigen, sind deren Wirksamkeit und Risiken sehr unterschiedlich einzuschätzen.

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          Umfangreiche klinische Studien haben gezeigt, dass Hormone, die gegen Beschwerden in den Wechseljahren verordnet werden, ernstzunehmende Nebenwirkungen haben. Das hat zu einer Neubewertung der Hormonersatztherapie geführt. Laut Arzneiverordnungsreport werden heute nur noch ein Drittel der früher üblichen Verschreibungen vorgenommen. Zugleich ist der Wunsch nach hormonfreien Mitteln gestiegen. Großes Vertrauen wird dabei in pflanzliche Zubereitungen gesetzt.

          Einer englischen Untersuchung zufolge nimmt fast die Hälfte der Frauen in den Wechseljahren solche frei verkäuflichen Präparate ein ("Menopause International", Bd. 13, S. 79). Bei einer Befragung deutscher Frauen dieser Altersgruppe durch das Deutsche Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke äußerten achtzig Prozent die Ansicht, dass sie sich vorstellen könnten, pflanzliche Stoffe mit hormoneller Wirkung, sogenannte Phytoöstrogene, gegen Wechseljahrsbeschwerden einzunehmen ("Climacteric", Bd. 8, S. 230). Über den Nutzen pflanzlicher Präparate bei Wechseljahrsbeschwerden berichten jetzt auch unabhängige britische Experten im "Drug and Therapeutics Bulletin" (Bd. 47, S. 2), einer Zeitschrift, die unter dem Dach des renommierten "British Medical Journal" erscheint. Sie kommen zu dem Schluss, dass viele Produkte das in sie gesetzte Vertrauen nicht verdienen.

          Sehr unterschiedliche Testergebnisse

          Am wirksamsten gegen Wechseljahrsbeschwerden sind Extrakte aus dem Wurzelstock der Traubensilberkerze, einer aus Nordamerika stammenden Heilpflanze. Allerdings sollten Frauen über das potentielle Risiko, Leberschäden zu erleiden, informiert werden. In Deutschland wurde dazu vor zwei Jahren ein Warnhinweis in die Packungsbeilage aufgenommen. Zuvor war bekanntgeworden, dass im Zusammenhang mit der Einnahme von Wurzelextrakten aus Traubensilberkerze Erkrankungen der Leber aufgetreten waren.

          Bei allen anderen Produkten, egal ob sie Zubereitungen aus Soja, Rotklee, Nachtkerzenöl, Ginseng, Dong Quai, Yamswurzel oder Hopfen enthalten, sehen die englischen Experten keinen überzeugenden Nutzen. Sie betonen zudem, dass die Risiken einer langfristigen Einnahme nicht abzuschätzen seien. Auch sei wenig über potentielle Wechselwirkungen mit verschreibungspflichtigen Medikamenten bekannt. Tatsächlich nehmen viele Frauen pflanzliche Produkte geradezu bedenkenlos ein und setzen auch ihren Arzt nicht darüber in Kenntnis.

          Untersuchungen mit verschiedenen Standards

          In Deutschland sind Extrakte aus dem Wurzelstock der Traubensilberkerze als sogenannte "rationale Phytopharmaka" gegen Wechseljahrsbeschwerden zugelassen. Produkte, die eine solche Einstufung erhalten haben, seien, so Klaus Reh vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn, in einer Neu- oder Nachzulassung geprüft worden, so dass ihre Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit als gesichert gelten könne. In dem Artikel des "Drug and Therapeutics Bulletin" wird die Studienlage zu den Wurzelextrakten der Traubensilberkerze aber als uneinheitlich eingestuft. Einige Studien zeigten einen Nutzen, andere nicht.

          Nach Ansicht von Susanne Alban vom Pharmazeutischen Institut der Universität Kiel, die Vizepräsidentin der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft ist, hat das mit der unterschiedlichen Qualität der Untersuchungen zu tun. Außerdem sei strikt zwischen Studien mit standardisierten Extrakten, also Arzneimitteln, und solchen mit undefinierten Extrakten zu unterscheiden. Außerdem seien die Zahl der Probanden oftmals gering, das Design der Studien verbesserungswürdig und die Studienziele unterschiedlich. In den Vereinigten Staaten neige man dazu, sogenannte "Multibotanicals" zu verwenden, in denen Traubensilberkerze nur eine von vielen Komponenten ist. Im Gegensatz zu vielen Botanicals sei für einige in Deutschland zugelassene Traubensilberkerzen-Arzneimittel die Wirksamkeit belegt.

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