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Waschbären : Der kleine Bär mit dem Waschzwang

  • -Aktualisiert am

„Der mit den Händen schrubbt“ nannten Powhatan-Indianer in der britischen Kolonie Virginia den Waschbären. Ihr heute ausgestorbenes Idiom gehört zu den für ihre einmalig komplexe Grammatik berühmten Algonkin-Sprachen. Aus dem Powhatan-Ausdruck wurde die englische Bezeichnung „Raccoon“. Bild: Dave King (c) Dorling Kindersley

Der amerikanische Waschbär breitet sich in Deutschland immer schneller aus. Ist der nicht mehr ganz so neue Neubürger eine Bedrohung? Oder eine Bereicherung der heimischen Fauna?

          8 Min.

          An einem lauen Sommerabend bereitet Frank Deuter auf der Terrasse seines liebevoll gepflegten Gartens alles für seine Gäste vor. Doch statt einen Grill anzufachen oder ein Bierfass heranzurollen, stellt der pensionierte Lehrer nur Schüsseln auf. Zwei kleine Wannen füllt er etwa zehn Zentimeter hoch mit frischem Wasser, in die übrigen Behälter kommen gewürfelter Sandkuchen und kleingeschnittene Waffeln sowie ungesalzenes Knabberzeug: Sonnenblumenkerne, Walnüsse, Cashews, Haselnüsse, Mandeln. „Heute habe ich auch ungeschälte Erdnüsse“, sagt Deuter und plaziert die Schüssel auf einer kleinen Mauer zwischen Garten und Terrasse. „Die gibt es nur selten, denn das macht eine rechte Sauerei. Aber sie mögen einige von ihnen besonders gerne.“

          Die nächtliche Nussorgie

          Die Party steigt erst lange nach Sonnenuntergang. Um 22 Uhr 20 hört man es zum ersten Mal rascheln. Deuter, der um die Sicherheit seiner späten Gäste höchst besorgt ist und deshalb nicht mit seiner wahren Identität in der Zeitung erscheinen möchte, öffnet vorsichtig die Terrassentür, doch alles, was da durch den Lichtkegel seiner Taschenlampe huscht, ist ein kleiner Igel. „Die kommen schon noch“, beruhigt er den Besucher. Und tatsächlich, nur zehn Minuten später geht das von einem Näherungssensor gesteuerte Außenlicht an. „Das ist Struppi“, flüstert Deuter und blickt vergnügt durch die nur leicht zurückgeschobene Terrassentür auf ein gut katzengroßes Tier, das direkt vor unseren Füßen die Schüsseln erkundet. „Das ist ein ganz gemütlicher.“

          Struppi ist einer von etwa zehn Waschbären, die Deuter und seine Frau zu unterscheiden gelernt haben, seit sie vor vier Jahren zum ersten Mal einen von ihnen in ihrem Garten antrafen. Seither stellen sie regelmäßig Leckereien bereit, auf dass die Tiere auf ihren nächtlichen Streifzügen durch die Nachbarschaft auch bei ihnen vorbeischauen. Als Nächstes trifft auch Öhrli mit zwei ihrer Jungen ein. Die Deuters haben das Weibchen nach ihren auffällig nach oben gerichteten Ohren benannt. „Jeder Waschbär hat charakteristische Merkmale, an denen man ihn wiedererkennen kann“, sagt Frank Deuter. „Sie gehen auch alle anders an das Essen heran.“ Das können wir später an „Spinner“ studieren. Er plündert den Topf mit dem Waffel-Nuss-Gemisch: Genauer, er wirft das Gemenge auf den Terrassenboden, frisst aber nur die Nüsse, die Waffeln lässt er liegen. Struppi dagegen vergreift sich vor allem am Sandkuchen. „Das ist schon eine verrückte Bande“, sagt Deuter entzückt beim Blick auf das Gelange, das kurz nach Mitternacht in vollem Gange ist.

          Weniger Jäger als Sammler

          Seine Begeisterung für die putzigen Tiere aus der mit echten Bären nicht näher verwandten Familie der Kleinbären teilte schon Alfred Brehm: „Er ist ein munterer, schmucker Bursche, welcher durch große Regsamkeit und Beweglichkeit sehr erfreut. In seinem geistigen Wesen hat er etwas affenartiges. Er ist heiter, munter, neugierig, neckisch und zu lustigen Streichen aller Art geneigt, aber auch muthig, wenn es sein muß, und beim Beschleichen seiner Beute listig wie der Fuchs“, schrieb Brehm 1883 in seinem „Thierleben“ über Procyon lotor. Der war damals noch ein reiner Nordamerikaner, gelangte seither aber mehrfach in andere Erdteile und so auch zu uns.

          Trotz aller List sind Waschbären weniger Jäger als Sammler. „Sie sind ziemlich faul und fressen, was sich gerade ohne viel Mühe finden lässt“, erklärt die Forstbiologin Berit Michler, vom „Projekt Waschbär“ an der TU Dresden, das zwischen 2006 und 2011 die Lebensweise der Waschbären des Müritz-Nationalparks untersuchte. Über das Jahr hinweg verputzt ein Waschbär zu etwa gleichen Teilen vegetarische Kost wie Samen und Früchte, Wirbellose wie Schnecken, Würmer und Insekten und kleine Wirbeltiere wie Mäuse, Frösche oder einen gelegentlichen Fisch.

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