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: Wanzen als Forschergehilfen

  • -Aktualisiert am

Wenn Wanzen Blut saugen, spürt ihr Opfer gewöhnlich nichts davon. Daß sie Blutgefäße praktisch unbemerkt anzapfen können, prädestiniert die kleinen Plagegeister für einschlägige Aufgaben im Dienste der Wissenschaft.

          Wenn Wanzen Blut saugen, spürt ihr Opfer gewöhnlich nichts davon. Daß sie Blutgefäße praktisch unbemerkt anzapfen können, prädestiniert die kleinen Plagegeister für einschlägige Aufgaben im Dienste der Wissenschaft. Wie sie sich für die ornithologische Forschung einspannen lassen, hat Christian Voigt am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin ausgetüftelt. Gemeinsam mit Peter Becker vom Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven, das auch als "Vogelwarte Helgoland" bekannt ist, entwickelte er ein Verfahren, brütenden Seeschwalben ein Tröpfchen Blut abzunehmen, ohne sie dadurch aus der Ruhe zu bringen.

          Bislang war es üblich, freilebende Vögel kurzzeitig einzufangen und ihnen eine Kanüle in eine Vene einzuführen. Auch wenn die Wissenschaftler dabei möglichst behutsam vorgehen, ist das für ihre Forschungsobjekte mit beträchtlichem Streß verbunden. Bei Vogelarten, die so verschreckt reagieren, daß sie ihr Gelege im Stich lassen, verbieten sich solche Untersuchungen während der Brutzeit. Doch selbst wenn die Belastung zumutbar erscheint, kann mit so gewonnenen Blutproben nicht viel angefangen werden, denn die beängstigende Meßprozedur überlagert alle anderen Einflüsse.

          Hilfreicher Blutsauger aus Mexiko

          Beim Grübeln darüber, wie man ein unverfälschtes Bild erhalten könnte, verfielen die Forscher auf den Trick mit den Wanzen. Als passenden Blutsauger wählten sie eine mexikanische Raubwanze mit dem wissenschaftlichen Namen Dipetalogaster maximus. Etwa so groß wie ein Fingernagel, kann sie sich schon als flügellose Larve genügend Blut einverleiben. Ein zehntel Milliliter reicht den Forschern für gängige Analysen, mit denen sie beispielsweise die Konzentration von Streßhormonen wie Corticosteron ermitteln.

          An Säugetieren vergreift sich Dipetalogaster ebenso gerne wie an Vögeln. Will man testen, ob die Wanze hungrig ist, braucht man ihr bloß einen Finger hinzuhalten. Wenn sie die vermeintliche Beute zielstrebig ansteuert, wird sie in ein künstliches Vogelei gesperrt. In dessen Plastikschale haben die Wissenschaftler ein kleines Fenster geschnitten. Durch ein Gitter aus Kunstfasern können die Wanzen nicht entwischen, wohl aber ihren Saugrüssel herausstrecken. Mitsamt den blutgierigen Insassen werden die Plastikeier dann ahnungslosen Fluß-Seeschwalben untergeschoben.

          Wanzen in Plastikeiern

          In Wilhelmshaven tummeln sich Hunderte von Fluß-Seeschwalben auf einem alten, abgelegenen Kai. Wo einst U-Boote angelegt haben, können sie ungestört brüten. Seit Jahren unter Beobachtung, sind sie an neugierige Wissenschaftler gewöhnt. Wenn ihnen ein Ornithologe zu nahe tritt, fliegen sie zwar von ihren Nestern auf, kehren aber binnen einer Minute wieder zurück. Ob ihr Gelege in der Zwischenzeit gegen Plastikeier vertauscht wurde, kümmert sie ebenso wenig wie der Rücktausch des Originals.

          Wenn sich eine Seeschwalbe zum Brüten niederläßt, können die eingeschleusten Wanzen an die stark durchblutete Hautpartie gelangen, die das Gelege warmhält. Manche haben sich schon nach zehn Minuten vollgesogen. Die Forscher brauchen den prall gefüllten Kropf dann nur mit einer Kanüle zu leeren, um ausreichend Material für ihre Untersuchungen zu gewinnen. Wenn ein Blutsauger innerhalb einer Stunde nicht zum Zug gekommen ist, liefert ein weiterer Versuch mit einem anderen Exemplar meist doch noch die gewünschte Ausbeute. Nach Einschätzung von Voigt könnte sich der Trick mit den versteckten Wanzen auch bei genetischen Studien als nützlich erweisen. Dabei hat er nicht nur Seeschwalben im Blick. Auch anderen Vögeln von Amsel- bis Straußengröße hofft er mit entsprechend präparierten Plastikeiern unbemerkt Blut abnehmen zu können.

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