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Walsterben : Ein Festmahl tief am Meeresgrund

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Aasfresser machen den Anfang: Schlafhaie (oben rechts), Grenadierfische (grau), Hunderte von Schleimaalen (blau), Königskrabben und Schwärme von Flohkrebsen können einen Walkadaver schon innerhalb von sechs Monaten skelettieren. Bild: Michael Rothman

An der Nordseeküste stellte sich wieder die Frage: Wohin mit einem toten Wal? Am besten befördert man ihn zurück ins Meer.

          6 Min.

          Es ist noch nicht lange her, dass die Nordsee diese kolossalen Körper angeschwemmt hat. Auf Wangerooge fing es an, da lag der erste auf einer Sandbank. Lang wie ein Lastwagen, ebenso schwer, erdrückt von seinem eigenen Gewicht. Wenige hundert Meter entfernt dann der nächste Kadaver. Mittlerweile sind zwölf tote Pottwale an deutsche und holländische Strände gespült worden.

          Experten rätseln über den Tod der Jungbullen. Sie kamen wahrscheinlich aus der Arktis und sind wohl bei den Shetlandinseln falsch abgebogen. Das ist das Fatale im Verbund der Wale, die man Schulen nennt: Macht einer einen Fehler, folgen ihm die anderen ins Verderben. Und so führte sie der Weg nicht in die tiefen Gewässer des Nordatlantiks, wo sie sich orientieren und ernähren können, sondern in dessen viel zu flaches Randmeer. Waren sie vielleicht krank? Wurden sie beim Navigieren von Unterwasserlärm gestört? Das alles wird noch von Meeresökologen untersucht.

          Die meisten Wale sterben auf hoher See

          Die zwei Pottwale von Wangerooge sind mittlerweile geborgen worden. Mit einigem logistischen Aufwand hat man sie in den Jade-Weser-Port nach Wilhelmshaven gebracht. Der eine soll präpariert und später als Skelett wieder nach Wangerooge zurückgebracht werden. Der andere soll zersägt und in der Fleischmehlfabrik verarbeitet werden.

          Dass Wale an Land verenden, kommt relativ selten vor, auch wenn die gesteigerte Medienaufmerksamkeit in solchen Fällen anderes vermuten lässt. Die allermeisten Wale sterben im Ozean. Still und vom Menschen unbemerkt sinken sie zum Meeresgrund. Doch dort, wo ihr Weg endet, blüht das Leben in der Tiefsee auf. Ihr Untergang ist immer auch ein Neubeginn. Und wahrscheinlich sogar ein wichtiger evolutionärer Faktor für das Leben im Ozean.

          Diese Erkenntnis ist noch nicht sehr alt. Zu verdanken ist sie dem amerikanischen Meeresbiologen Craig Smith von der Universität von Hawaii. Er beschäftigt sich seit über dreißig Jahren mit der Frage, was eigentlich aus den Kadavern von Walen wird. „Whale falls“ nennen die Amerikaner dieses exotische Forschungsgebiet. Das Problem ist das Forschungsobjekt. Man muss erst einmal einen verendeten Wal in den Weiten der Tiefsee finden. Also kam Smith 1983 auf eine Idee: Wenn es ihm gelänge, einen gestrandeten Wal erfolgreich im Ozean zu versenken, könnte er in regelmäßigen Abständen den Zerfall des Riesen vom U-Boot aus dokumentieren. Die Idee war gut. Die Umsetzung allerdings weniger. Obwohl es mit Gewichten beschwert wurde, ging das tote Tier, das er sich beschaffte, einfach nicht unter - Fäulnisgase verliehen ihm zu viel Auftrieb. Und dann zog auch noch ein Sturm auf. Smith gab auf.

          Wie auf einem fremden Planeten

          Vier Jahre später hatte er mehr Glück. Er war gerade mit dem Tiefsee-U-Boot „Alvin“ vor der Küste Kaliforniens auf einem Routine-Tauchgang, als die Lichtkegel plötzlich eine seltsame Szene erfassten. Schädelknochen kamen zum Vorschein, Wirbel und Rippen. Das Skelett gehörte einem zwanzig Meter langen Blauwal, der hier schon länger liegen musste. Der Fund in exakt 1240 Metern Tiefe war eine Sensation. Denn nicht nur fanden die Forscher hier erstmals ein vollständig erhaltenes Skelett, sondern ein veritables Gewimmel und Getümmel. Tausende von Tiefseekreaturen hatten sich über die Reste des Wals hergemacht. Es war so, als habe Smith Leben auf einem fremden Planeten gefunden.

          Als sich Smith mit seiner Crew später die Filmaufnahmen noch einmal genauer ansah, entdeckte er verschiedene Würmer, Muscheln und Schnecken. Zudem war das Skelett von weißen Flecken überzogen, die sich aus ganzen Matten von Bakterien zusammensetzten. Einige der seltsamen Tiere hatte er schon gesehen, andere nicht.

          An Walkadavern sind bis heute 129 neue Tierarten entdeckt worden, die wenigsten davon findet man auch in flachen Gewässern. In der Tiefsee bevölkerten mehr als vierhundert Arten einen einzigen toten Wal, schreibt der Paläontologe Crispin Little von der University Leeds in der Zeitschrift Scientific American. Besondere Aufmerksamkeit widmete Smith allerdings jenen Muscheln und Borstenwürmern, die man zuvor nur in den lebensfeindlichen Zonen am Meeresgrund gefunden hatte. Da unterhalb von zweihundert Metern so gut wie kein Sonnenlicht mehr einfällt, leben diese Geschöpfe in Symbiose mit Schwefelbakterien und ernähren sich von Schwefelwasserstoff, der aus hydrothermalen Schloten wie den sogenannten „schwarzen Rauchern“ austritt. Die hochspezialisierten „chemolithoautotrophen“ Mikroben können anorganische Verbindungen in organische umwandeln. Dieses einzigartige Ökosystem ist erst Ende der siebziger Jahre entdeckt worden.

          Triebfeder der Evolution?

          Das Skelett eines Wales ist eine ähnliche Energiequelle. Es besteht bis zu sechzig Prozent aus Lipiden. Bestimmte Bakterien zersetzen dieses Fett unter Sauerstoffabschluss wobei sie Schwefelwasserstoff freisetzen. Davon ernähren sich wiederum die chemolithoautotrophen Bakterien, wovon schließlich die Tiefseetiere profitieren. Anders ausgedrückt: Der Wal ist ein Festmahl für alle.

          Die Frage ist bloß: Wie kommen diese Tiergesellschaften dorthin? Wandern die Larven von Walkadaver zu Walkadaver und besiedeln so den gesamten Meeresboden? Immerhin ist auch vom größten Blauwal nach ein paar Jahrzehnten kaum noch etwas übrig. Aber es kommt auch immer wieder Nachschub. Smith schätzt, dass jedes Jahr an die 69 000 große Wale sterben. Insgesamt könnten zehnmal so viele Skelette aktuell am Meeresboden verrotten, im Durchschnitt in zwölf Kilometern Entfernung voneinander. Entlang den Wanderrouten der Grauwale betrüge der Abstand dieser Schätzung zufolge sogar nur fünf Kilometer.

          Smith stellt sich die Wanderung der Tiefseetiere wie auf Trittsteinen vor. Immer von Wal zu Wal. Weil sie sich dabei immer wieder an neue Bedingungen anpassen müssen und dadurch zwangsläufig weiterentwickeln, hätten die toten Wale die Evolution in der Tiefsee entscheidend vorangetrieben, lautet Smiths Theorie. Anhand von Miesmuscheln, die er in der Tiefsee fand und genetisch mit denen an der Küste verglich, konnte er die Entwicklungsschritte nachvollziehen. Je weiter die Miesmuschel gewandert war, desto größer waren die Unterschiede zu ihren Verwandten.

          Das große Fressen

          Einzelheiten dieser Wanderung bleiben unverstanden. Man weiß zwar, dass sich Larven von Meeresströmungen tragen lassen. Doch wie ausgewachsene Tiefseetiere in der ewigen Finsternis tote Wale orten, ist nicht bis ins Letzte erforscht. „Wahrscheinlich ist es der Geruch, der sie anlockt“, sagt Smith. Die Zersetzung des Giganten verläuft dann in charakteristischer Reihenfolge. In Phase eins rücken Aasfresser an, die den Wal in Stücke reißen. Darunter sind Schlafhaie und Schleimaale, aber auch Krabben, die über das nötige Werkzeug verfügen. Die blinden Schleimaale bohren sich regelrecht in das Innere, während der Schlafhai eher größere Bissen bevorzugt. Beide haben einen extrem dehnbaren Magen und können so pro Tag bis zu sechzig Kilo vertilgen, weshalb der Berg an Fleisch, Muskeln und Speck in der Regel nur ein bis zwei Jahre reicht. Bei größeren Exemplaren kann es auch etwas länger dauern. Nach dem großen Schlemmen, bei dem sich die Tiere ein Mehrfaches ihres Gewichts anfressen, rücken sie wieder ab und fallen erschöpft in einen Energiesparmodus.

          In Phase zwei stellen sich Borstenwürmer und kleinere Krabben ein, nagen die letzten Fleischreste von den freigelegten Knochen und verspeisen kleinere Transtücke sowie das Walöl. Jeder tote Wal am Meeresgrund wird so verwertet, egal bis in welche Tiefe er sinkt. Selbst im elf Kilometer tiefen Mariannengraben hat man noch Flohkrebse gefunden.

          Bevor schließlich die letzte Phase beginnen kann, taucht ein kleiner und ziemlich hässlicher Bartwurm auf, den man vor vierzehn Jahren erstmals entdeckte. Sein lateinischer Name lautet Osedax, was auf Deutsch nichts anderes bedeutet als Knochenfresser. Das kaum fingernagelgroße Geschöpf wird allerdings meist nur „Zombiewurm“ genannt, weil er weder einen Mund noch einen Verdauungstrakt besitzt. Dafür ist er ein wahrer Spezialist, wenn es darum geht, die letzten Fette aus den Knochen zu lösen. Er produziert eine Säure, mit deren Hilfe er sich durch den Knochen hindurch ätzt.

          Wale versenken, ein ergiebiges Forschungsgebiet

          Der Zombiewurm bereitet so die Grundlage für die letzte Phase der Walzersetzung, die bis zu hundert Jahre dauern kann. Würmer, Schnecken und Bakterien übernehmen die endgültige Entsorgung. Irgendwann ist dann auch der größte Wal Geschichte. Und die maritimen Totengräber ziehen weiter.

          Trotz mehrerer geglückter Expeditionen ist die Datenlage über das große Fressen aber immer noch dünn. Smith hat seit den neunziger Jahren erfolgreich tot geborgene Wale versenkt, indem er sie mit Eisenschrott beschwerte. Doch die Forschungsarbeit im Meer ist im Gegensatz zu der an Land nicht nur ungemein teuer, sondern am lebensfeindlichen Meeresgrund auch ungleich schwieriger. Dagegen sind die berühmten Untersuchungen an der Body Farm der University Tennessee in Knoxville, wo Pathologen die postnatalen Veränderungen von menschlichen Leichen untersuchen, fast ein Kinderspiel.

          Seit 2003 immerhin kann Craig Smith dank weltweiter Unterstützung auf mehr als siebzig aktuelle Walkadaverstandorte in vier Ozeanen und in unterschiedlichen Tiefen zurückgreifen. „Dieses Netzwerk hat die Arbeit dramatisch verbessert“, sagt er. In einem dieser Teams arbeitet die deutsche Meeresbiologin Tina Treude. Sie verfolgt beim Ocean Networks Canada eine mehrjährige Studie, bei der schon bald ein weiterer toter Wal in die Tiefsee gebracht werden soll. Tina Treude hat mit solchen Dingen Erfahrung. Im Rahmen ihrer Diplomarbeit versenkte sie schon vor 18 Jahren Tintenfisch- und Thunfisch-Kadaver im Arabischen Meer in bis zu 4000 Metern Tiefe. Schwieriger sind Beobachtungen überraschenderweise in der flachen See. „Die Gasentwicklung im Innern des Wals lässt die Tiere häufig nach kurzer Zeit wieder auftreiben“, sagt sie. Deshalb sei sie sich nicht sicher, ob Wale in flachen Meeren wie der Nordsee ähnliche Habitate bilden können wie in der Tiefsee.

          Neunzig Prozent der Wale wurden zu Parfüm und Lampenöl verarbeitet

          Die Entdeckungen von Craig Smith findet sie jedenfalls bahnbrechend. „Zuvor hatte man nie über die Rolle von Walen für Tiefseeökosysteme nachgedacht“, sagt sie. Deshalb habe man im 19. Jahrhundert auch nicht gewusst, was man mit dem hemmungslosen Walfang in den Weltmeeren anrichtete. Womöglich hat man für Lampenöl, Parfüm und ähnliche Produkte noch vor 150 Jahren ein ganzes Ökosystem gefährdet. Die Jagd auf Moby Dick (einen Pottwal) und seine Brüder dezimierte die Walpopulation damals auf weniger als ein Zehntel.

          Bleibt die Frage, wie groß die Bedeutung der seltenen, aber umso größeren Fleischbrocken für die Evolution tatsächlich war. Aufschluss darüber könnten die mehr als fünfzig Paläo-Standorte geben, die man ebenfalls in der Tiefsee gefunden hat. Tote Fischsaurier hatten im Mesozoikum die heutige Rolle der Wale inne. Ihre fossilen Knochen liegen, anders als die der Walskelette, nicht im anatomischen Verband. Man hat eine Zeitlang geglaubt, dass sie damals aufgrund von Fäulnis regelrecht explodiert sind. Aber das ist wahrscheinlich ein Mythos.

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