https://www.faz.net/-gwz-8cggs

Walsterben : Ein Festmahl tief am Meeresgrund

  • -Aktualisiert am

Aasfresser machen den Anfang: Schlafhaie (oben rechts), Grenadierfische (grau), Hunderte von Schleimaalen (blau), Königskrabben und Schwärme von Flohkrebsen können einen Walkadaver schon innerhalb von sechs Monaten skelettieren. Bild: Michael Rothman

An der Nordseeküste stellte sich wieder die Frage: Wohin mit einem toten Wal? Am besten befördert man ihn zurück ins Meer.

          Es ist noch nicht lange her, dass die Nordsee diese kolossalen Körper angeschwemmt hat. Auf Wangerooge fing es an, da lag der erste auf einer Sandbank. Lang wie ein Lastwagen, ebenso schwer, erdrückt von seinem eigenen Gewicht. Wenige hundert Meter entfernt dann der nächste Kadaver. Mittlerweile sind zwölf tote Pottwale an deutsche und holländische Strände gespült worden.

          Experten rätseln über den Tod der Jungbullen. Sie kamen wahrscheinlich aus der Arktis und sind wohl bei den Shetlandinseln falsch abgebogen. Das ist das Fatale im Verbund der Wale, die man Schulen nennt: Macht einer einen Fehler, folgen ihm die anderen ins Verderben. Und so führte sie der Weg nicht in die tiefen Gewässer des Nordatlantiks, wo sie sich orientieren und ernähren können, sondern in dessen viel zu flaches Randmeer. Waren sie vielleicht krank? Wurden sie beim Navigieren von Unterwasserlärm gestört? Das alles wird noch von Meeresökologen untersucht.

          Die meisten Wale sterben auf hoher See

          Die zwei Pottwale von Wangerooge sind mittlerweile geborgen worden. Mit einigem logistischen Aufwand hat man sie in den Jade-Weser-Port nach Wilhelmshaven gebracht. Der eine soll präpariert und später als Skelett wieder nach Wangerooge zurückgebracht werden. Der andere soll zersägt und in der Fleischmehlfabrik verarbeitet werden.

          Dass Wale an Land verenden, kommt relativ selten vor, auch wenn die gesteigerte Medienaufmerksamkeit in solchen Fällen anderes vermuten lässt. Die allermeisten Wale sterben im Ozean. Still und vom Menschen unbemerkt sinken sie zum Meeresgrund. Doch dort, wo ihr Weg endet, blüht das Leben in der Tiefsee auf. Ihr Untergang ist immer auch ein Neubeginn. Und wahrscheinlich sogar ein wichtiger evolutionärer Faktor für das Leben im Ozean.

          Diese Erkenntnis ist noch nicht sehr alt. Zu verdanken ist sie dem amerikanischen Meeresbiologen Craig Smith von der Universität von Hawaii. Er beschäftigt sich seit über dreißig Jahren mit der Frage, was eigentlich aus den Kadavern von Walen wird. „Whale falls“ nennen die Amerikaner dieses exotische Forschungsgebiet. Das Problem ist das Forschungsobjekt. Man muss erst einmal einen verendeten Wal in den Weiten der Tiefsee finden. Also kam Smith 1983 auf eine Idee: Wenn es ihm gelänge, einen gestrandeten Wal erfolgreich im Ozean zu versenken, könnte er in regelmäßigen Abständen den Zerfall des Riesen vom U-Boot aus dokumentieren. Die Idee war gut. Die Umsetzung allerdings weniger. Obwohl es mit Gewichten beschwert wurde, ging das tote Tier, das er sich beschaffte, einfach nicht unter - Fäulnisgase verliehen ihm zu viel Auftrieb. Und dann zog auch noch ein Sturm auf. Smith gab auf.

          Wie auf einem fremden Planeten

          Vier Jahre später hatte er mehr Glück. Er war gerade mit dem Tiefsee-U-Boot „Alvin“ vor der Küste Kaliforniens auf einem Routine-Tauchgang, als die Lichtkegel plötzlich eine seltsame Szene erfassten. Schädelknochen kamen zum Vorschein, Wirbel und Rippen. Das Skelett gehörte einem zwanzig Meter langen Blauwal, der hier schon länger liegen musste. Der Fund in exakt 1240 Metern Tiefe war eine Sensation. Denn nicht nur fanden die Forscher hier erstmals ein vollständig erhaltenes Skelett, sondern ein veritables Gewimmel und Getümmel. Tausende von Tiefseekreaturen hatten sich über die Reste des Wals hergemacht. Es war so, als habe Smith Leben auf einem fremden Planeten gefunden.

          Als sich Smith mit seiner Crew später die Filmaufnahmen noch einmal genauer ansah, entdeckte er verschiedene Würmer, Muscheln und Schnecken. Zudem war das Skelett von weißen Flecken überzogen, die sich aus ganzen Matten von Bakterien zusammensetzten. Einige der seltsamen Tiere hatte er schon gesehen, andere nicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auch drei Düsen könnten genügen: Airbus A380 der Fluglinie Emirates.

          Airbus : Wann darf ein A380 mit drei Turbinen fliegen?

          Ein Airbus A380 braucht zum Fliegen nicht unbedingt vier Triebwerke. Er kommt auch mit einem weniger ans Ziel. Unter bestimmten Voraussetzungen und Vorschriften.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.