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Walsterben : Ein Festmahl tief am Meeresgrund

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In Phase zwei stellen sich Borstenwürmer und kleinere Krabben ein, nagen die letzten Fleischreste von den freigelegten Knochen und verspeisen kleinere Transtücke sowie das Walöl. Jeder tote Wal am Meeresgrund wird so verwertet, egal bis in welche Tiefe er sinkt. Selbst im elf Kilometer tiefen Mariannengraben hat man noch Flohkrebse gefunden.

Bevor schließlich die letzte Phase beginnen kann, taucht ein kleiner und ziemlich hässlicher Bartwurm auf, den man vor vierzehn Jahren erstmals entdeckte. Sein lateinischer Name lautet Osedax, was auf Deutsch nichts anderes bedeutet als Knochenfresser. Das kaum fingernagelgroße Geschöpf wird allerdings meist nur „Zombiewurm“ genannt, weil er weder einen Mund noch einen Verdauungstrakt besitzt. Dafür ist er ein wahrer Spezialist, wenn es darum geht, die letzten Fette aus den Knochen zu lösen. Er produziert eine Säure, mit deren Hilfe er sich durch den Knochen hindurch ätzt.

Wale versenken, ein ergiebiges Forschungsgebiet

Der Zombiewurm bereitet so die Grundlage für die letzte Phase der Walzersetzung, die bis zu hundert Jahre dauern kann. Würmer, Schnecken und Bakterien übernehmen die endgültige Entsorgung. Irgendwann ist dann auch der größte Wal Geschichte. Und die maritimen Totengräber ziehen weiter.

Trotz mehrerer geglückter Expeditionen ist die Datenlage über das große Fressen aber immer noch dünn. Smith hat seit den neunziger Jahren erfolgreich tot geborgene Wale versenkt, indem er sie mit Eisenschrott beschwerte. Doch die Forschungsarbeit im Meer ist im Gegensatz zu der an Land nicht nur ungemein teuer, sondern am lebensfeindlichen Meeresgrund auch ungleich schwieriger. Dagegen sind die berühmten Untersuchungen an der Body Farm der University Tennessee in Knoxville, wo Pathologen die postnatalen Veränderungen von menschlichen Leichen untersuchen, fast ein Kinderspiel.

Seit 2003 immerhin kann Craig Smith dank weltweiter Unterstützung auf mehr als siebzig aktuelle Walkadaverstandorte in vier Ozeanen und in unterschiedlichen Tiefen zurückgreifen. „Dieses Netzwerk hat die Arbeit dramatisch verbessert“, sagt er. In einem dieser Teams arbeitet die deutsche Meeresbiologin Tina Treude. Sie verfolgt beim Ocean Networks Canada eine mehrjährige Studie, bei der schon bald ein weiterer toter Wal in die Tiefsee gebracht werden soll. Tina Treude hat mit solchen Dingen Erfahrung. Im Rahmen ihrer Diplomarbeit versenkte sie schon vor 18 Jahren Tintenfisch- und Thunfisch-Kadaver im Arabischen Meer in bis zu 4000 Metern Tiefe. Schwieriger sind Beobachtungen überraschenderweise in der flachen See. „Die Gasentwicklung im Innern des Wals lässt die Tiere häufig nach kurzer Zeit wieder auftreiben“, sagt sie. Deshalb sei sie sich nicht sicher, ob Wale in flachen Meeren wie der Nordsee ähnliche Habitate bilden können wie in der Tiefsee.

Neunzig Prozent der Wale wurden zu Parfüm und Lampenöl verarbeitet

Die Entdeckungen von Craig Smith findet sie jedenfalls bahnbrechend. „Zuvor hatte man nie über die Rolle von Walen für Tiefseeökosysteme nachgedacht“, sagt sie. Deshalb habe man im 19. Jahrhundert auch nicht gewusst, was man mit dem hemmungslosen Walfang in den Weltmeeren anrichtete. Womöglich hat man für Lampenöl, Parfüm und ähnliche Produkte noch vor 150 Jahren ein ganzes Ökosystem gefährdet. Die Jagd auf Moby Dick (einen Pottwal) und seine Brüder dezimierte die Walpopulation damals auf weniger als ein Zehntel.

Bleibt die Frage, wie groß die Bedeutung der seltenen, aber umso größeren Fleischbrocken für die Evolution tatsächlich war. Aufschluss darüber könnten die mehr als fünfzig Paläo-Standorte geben, die man ebenfalls in der Tiefsee gefunden hat. Tote Fischsaurier hatten im Mesozoikum die heutige Rolle der Wale inne. Ihre fossilen Knochen liegen, anders als die der Walskelette, nicht im anatomischen Verband. Man hat eine Zeitlang geglaubt, dass sie damals aufgrund von Fäulnis regelrecht explodiert sind. Aber das ist wahrscheinlich ein Mythos.

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