https://www.faz.net/-gwz-8cggs

Walsterben : Ein Festmahl tief am Meeresgrund

  • -Aktualisiert am

An Walkadavern sind bis heute 129 neue Tierarten entdeckt worden, die wenigsten davon findet man auch in flachen Gewässern. In der Tiefsee bevölkerten mehr als vierhundert Arten einen einzigen toten Wal, schreibt der Paläontologe Crispin Little von der University Leeds in der Zeitschrift Scientific American. Besondere Aufmerksamkeit widmete Smith allerdings jenen Muscheln und Borstenwürmern, die man zuvor nur in den lebensfeindlichen Zonen am Meeresgrund gefunden hatte. Da unterhalb von zweihundert Metern so gut wie kein Sonnenlicht mehr einfällt, leben diese Geschöpfe in Symbiose mit Schwefelbakterien und ernähren sich von Schwefelwasserstoff, der aus hydrothermalen Schloten wie den sogenannten „schwarzen Rauchern“ austritt. Die hochspezialisierten „chemolithoautotrophen“ Mikroben können anorganische Verbindungen in organische umwandeln. Dieses einzigartige Ökosystem ist erst Ende der siebziger Jahre entdeckt worden.

Triebfeder der Evolution?

Das Skelett eines Wales ist eine ähnliche Energiequelle. Es besteht bis zu sechzig Prozent aus Lipiden. Bestimmte Bakterien zersetzen dieses Fett unter Sauerstoffabschluss wobei sie Schwefelwasserstoff freisetzen. Davon ernähren sich wiederum die chemolithoautotrophen Bakterien, wovon schließlich die Tiefseetiere profitieren. Anders ausgedrückt: Der Wal ist ein Festmahl für alle.

Die Frage ist bloß: Wie kommen diese Tiergesellschaften dorthin? Wandern die Larven von Walkadaver zu Walkadaver und besiedeln so den gesamten Meeresboden? Immerhin ist auch vom größten Blauwal nach ein paar Jahrzehnten kaum noch etwas übrig. Aber es kommt auch immer wieder Nachschub. Smith schätzt, dass jedes Jahr an die 69 000 große Wale sterben. Insgesamt könnten zehnmal so viele Skelette aktuell am Meeresboden verrotten, im Durchschnitt in zwölf Kilometern Entfernung voneinander. Entlang den Wanderrouten der Grauwale betrüge der Abstand dieser Schätzung zufolge sogar nur fünf Kilometer.

Smith stellt sich die Wanderung der Tiefseetiere wie auf Trittsteinen vor. Immer von Wal zu Wal. Weil sie sich dabei immer wieder an neue Bedingungen anpassen müssen und dadurch zwangsläufig weiterentwickeln, hätten die toten Wale die Evolution in der Tiefsee entscheidend vorangetrieben, lautet Smiths Theorie. Anhand von Miesmuscheln, die er in der Tiefsee fand und genetisch mit denen an der Küste verglich, konnte er die Entwicklungsschritte nachvollziehen. Je weiter die Miesmuschel gewandert war, desto größer waren die Unterschiede zu ihren Verwandten.

Das große Fressen

Einzelheiten dieser Wanderung bleiben unverstanden. Man weiß zwar, dass sich Larven von Meeresströmungen tragen lassen. Doch wie ausgewachsene Tiefseetiere in der ewigen Finsternis tote Wale orten, ist nicht bis ins Letzte erforscht. „Wahrscheinlich ist es der Geruch, der sie anlockt“, sagt Smith. Die Zersetzung des Giganten verläuft dann in charakteristischer Reihenfolge. In Phase eins rücken Aasfresser an, die den Wal in Stücke reißen. Darunter sind Schlafhaie und Schleimaale, aber auch Krabben, die über das nötige Werkzeug verfügen. Die blinden Schleimaale bohren sich regelrecht in das Innere, während der Schlafhai eher größere Bissen bevorzugt. Beide haben einen extrem dehnbaren Magen und können so pro Tag bis zu sechzig Kilo vertilgen, weshalb der Berg an Fleisch, Muskeln und Speck in der Regel nur ein bis zwei Jahre reicht. Bei größeren Exemplaren kann es auch etwas länger dauern. Nach dem großen Schlemmen, bei dem sich die Tiere ein Mehrfaches ihres Gewichts anfressen, rücken sie wieder ab und fallen erschöpft in einen Energiesparmodus.

Weitere Themen

Großbritanniens Sonderrolle in der EU Video-Seite öffnen

Erklärvideo : Großbritanniens Sonderrolle in der EU

Großbritannien stellt die Geduld der EU-Partnerländer immer wieder auf eine harte Probe. Seit dem Beitritt zur damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1973 haben die Briten wiederholt eine Sonderrolle in der Union für sich in Anspruch genommen.

Topmeldungen

Ein bisschen im Zimmer sitzen, ein bisschen Gitarre spielen, sich dabei filmen. Das kann für eine Karriere reichen – der Weg ist aber steiniger als man denkt.

Traumberuf Youtuber : Irgendwas mit Internet

270.000 Menschen folgen dem Kanal von Youtuber Yosuto. Mit jedem Klick verdient er Geld, eine Faustregel sagt: 10 Dollar für 1000 Aufrufe. Viele denken: Traumkarriere, sowas kann ich auch. Ein Irrtum!

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.