https://www.faz.net/aktuell/wissen/natur/vogelzug-manche-voegel-sind-schon-da-1307780.html

Vogelzug : Manche Vögel sind schon da

  • -Aktualisiert am
Zugvögel haben ganz unterschiedliche Winterquartiere
          5 Min.

          Zugvögel haben zur Zeit ein denkbar schlechtes Image. Sie bringen uns angeblich die Grippe vor die Haustür, stecken das Geflügel an und uns gleich mit. Dabei sollten wir eigentlich froh sein, daß die gefiederten Gäste wieder häufiger geworden sind.

          Der schwedische Naturforscher Carl von Linné war ein heller Kopf. Nur bei den Vögeln lag er falsch. Der große Systematiker glaubte, das wilde Federvieh versinke im Herbst kollektiv in Sümpfen und komme im Frühjahr putzmunter wieder daraus hervor.

          87 Prozent der Zugvögel stehen auf der Roten Liste

          In den Zeiten von H5N1 mögen manche Neu-Aviphobiker ehrlich bedauern, daß Linné irrte. Wenn es so weiter geht mit der Vogelgrippe, werden sie noch Einreiseverbote für alle Zugvögel fordern, die ihre Unbedenklichkeit nicht mit amtlichem Gesundheitszeugnis bestätigen können. Allerdings ist das Virus schon vor den Zugvögeln nach Deutschland gekommen; Ornithologen sehen den Winterrückkehrern ohnehin nicht panisch entgegen. (siehe: Interview mit dem Ornithologen Franz Bairlein)

          Zugvögel haben ganz unterschiedliche Winterquartiere Bilderstrecke
          Vogelzug : Manche Vögel sind schon da

          Sollte man sich auch in diesem Jahr nicht wenigstens ein bißchen über die Rückkehr der Frühlingsboten freuen? Millionen von gefiederten Heimkehrern und Durchfluggästen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, daß immerhin 87 Prozent der heimischen Zugvögel auf der Roten Liste stehen. Manche Vögel sehen wir tatsächlich häufiger als früher: Die Zahl der Graugänse hat zugenommen, die der Graureiher ebenfalls, und auch Kormorane und Mäusebussarde sind zahlreicher geworden. Letztere warten inzwischen gern und gut sichtbar an Straßen, bis ihnen jemand ein Kaninchen zum Abendessen totfährt.

          Fehmarn ist eine Drehscheibe für Zugvögel

          Alle auf diesen Seiten abgebildeten Vögel sieht man ebenfalls häufiger. Zumindest hat ihr Bestand auf Fehmarn in den vergangenen Jahrzehnten um mehr als fünfzig Prozent zugenommen.

          Wieso gerade Fehmarn? Die Insel taugt besonders gut als Indikator, denn sie ist eine ähnliche Drehscheibe für Zugvögel wie der Frankfurter Flughafen für Menschen. Jährlich nutzen annähernd einhundert Millionen von ihnen Fehmarn als Ein- und Ausflugschneise. Das sind alle, die zwischen ihren arktischen, skandinavischen, osteuropäischen oder russischen Brutgebieten und ihren südlichen Winterquartieren in Afrika oder Spanien pendeln. Die Wasserstraße Fehmarn-Belt ist ein regelrechter Flaschenhals für Wasservögel, die Insel selbst Brückenkopf und Raststätte für Landvögel. Schon jetzt sieht man dort die ersten Feldlerchen ziehen, im März folgen Ringeltauben und Mäusebussarde. Drosseln kommen dann im April und im Mai die Schwalben.

          Reisedaten werden lückenlos dokumentiert

          Und warum ballt sich der Vogelzug ausgerechnet hier und nicht anderswo? Wasservögel fliegen am liebsten über Wasser, Landvögel über Land. Dafür nehmen sie auch Umwege in Kauf. „Stellen Sie sich vor, Sie wären eine Gans, die in der Tundra brütet, mögen Wasser und wollen nach Afrika. Dann fliegen Sie die Eismeerküste lang, nehmen den Fehmarn-Belt an der Insel vorbei und sehen aus der Höhe schon das Wattenmeer der Nordseeküste“, erklärt Stefan Lunk, passionierter Fehmarn-Vogelforscher und Mitautor eines jüngst erschienenen einschlägigen Handbuchs. „Oder Sie sind ein kleiner schwedischer Landvogel und wollen es im Winter etwas wärmer haben, da können Sie auf dem Weg nach Süden über Fehmarn sehr gut Inselhüpfen machen.“ Stimmt: Malmö, Falsterbo, Fehmarn, Festland - kein Problem für einen Zugvogel.

          Herausragende Bedeutung für die Erforschung des Vogelzugs über Norddeutschland hat Fehmarn nicht nur, weil hier eine der wichtigsten europäischen Vogelfluglinien vorbeizieht, sondern auch, weil von keiner norddeutschen Gegend derart umfangreiche und weit zurückreichende Beobachtungen von Vogelzügen existieren - und das, obwohl keine der drei deutschen Vogelwarten dort steht. Es waren vielmehr Hobby-Ornithologen, die seit mehr als hundert Jahren diese Arbeit leisteten. Veränderungen in Reisedaten, Passagierzahlen und Flugrouten sind in ihren Aufzeichnungen lückenlos dokumentiert.

          Noch keine toten Vögel auf Fehmarn

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Helden Russlands“: Putin stößt mit Soldaten nach ihrer Auszeichnung am 08. Dezember 2022 im Kreml an.

          Russlands Ukrainekrieg : Prosit für Putin

          Moskaus Gerichte verurteilen einen Oppositionellen nach dem anderen. Und Russlands Präsident verleiht Auszeichnungen wie am Fließband. Weiterhin behauptet der Kreml, auf dem einzig richtigen Kurs zu sein.
          Im Vergleich: Welche Bank zahlt jetzt wie viel Zinsen?

          Zinswende : Welche Bank jetzt wie viel Zinsen zahlt

          So langsam kommt auch bei den großen Banken Fahrt in die Zinswende. Zahlen Commerzbank und Deutsche Bank für Tages- und Festgeld mehr als die Sparkasse von nebenan?
          „Choking under Pressure“: Der spanische Weltstar Sergio Busquets scheitert im Elfmeterschießen gegen Marokko.

          Umgang mit Drucksituationen : Wie beim Elfmeterschießen

          Wie besteht man in extremen Drucksituationen wie etwa im Elfmeterschießen? Fachleute haben einige wertvolle Tipps, die weiterhelfen – nicht nur bei der Fußball-Weltmeisterschaft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.