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Soziale Systeme : Der Wald ist doch noch nicht tot

Das Waldsterben ist Thema – und das seit mehr als 40 Jahren. Bild: dpa

Der Wald steht kurz vor seinem Ende, davor warnten Wissenschaftler bereits vor mehr als 40 Jahren. Was aus dem Waldsterben wurde.

          3 Min.

          Erinnern Sie sich noch an das Waldsterben? Dann müssten Sie mindestens Mitte vierzig sein. Es war nämlich 1979, als ein Wissenschaftler erstmals davor warnte, der deutsche Wald stehe kurz vor seinem Ende. Die Diagnose bezog sich zunächst auf Blatt- und Nadelverluste. Der Forstwissenschaftler Bernhard Ulrich hatte im Solling, einem südniedersächsischen Mittelgebirge, Messreihen durchgeführt, die zu belegen schienen, dass der Wald auch fernab von Industriegebieten an Schadstoffen (Schwefeldioxid, Stickoxide) erkrankt sei.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Ulrichs ökologische Theorie wich von der bis dahin gängigen Vorstellung ab, die eine Schädigung der Bäume auf dem Luftweg annahm. Für ihn erfolgte sie über eine Versauerung der Böden durch Niederschläge, den berühmten „sauren Regen“. Allmählich erweiterte sich die Reihe der Symptome an Bäumen, die der Luftverschmutzung zugeschrieben wurden. Man sprach, in einem anderen Vokabular jener Zeit, von einem „Stresskomplex“. Um das Jahr 1983, so hält eine gerade erschienene, äußerst informative Studie zum Verlauf dieser Alarmdebatte fest, gab es in Deutschland keinen Forstwissenschaftler mehr, der diese Diagnose nicht geteilt hätte.

          Der Wald als Ökosystem

          Der Eindruck, ein Waldsterben stehe unmittelbar bevor, entstand durch das Zusammenwirken ganz verschiedener Quellen. Bilder aus dem tschechischen Teil des Erzgebirges, dessen Wälder durch Abgase aus der Verfeuerung der besonders schwefelhaltigen Braunkohle großflächig abstarben, verstärkten das Gefühl, man sehe am Wald die Zukunft. Die Wissenschaft wurde in vielen Bereichen „systemisch“. Der von Bernhard Ulrich vertretene Ansatz, den Wald als Ökosystem zu betrachten, hatte sich durchgesetzt.

          Umweltschutz stand ohnehin auf der öffentlichen Agenda, auch wenn damalige Protestobjekte wie die Startbahn West oder der Rhein-Donau-Kanal nicht ursächlich mit dem Erscheinungsbild der Wälder verknüpft waren. Von 1980 an saßen „Grüne“ in Landtagen, 1983 auch im Bundestag, was auch für andere Parteien hieß, das Thema aufzunehmen.

          Es sollte also gehandelt werden. Dabei waren die Ursachen der Walderkrankung jedoch nach wie vor unklar. Als 1982 beispielsweise die Hypothese aufkam, dass vor allem Ozon baumschädigend wirke, verlagerte sich der Blick von den Großfeuerungsanlagen auf den Personenkraftverkehr. Nur zwei Prozent der Schwefeldioxide wurden von Letzterem emittiert, dagegen 45 Prozent der Stickoxide, deren Reaktion mit Sauerstoff Ozon bildet. Dass die entsprechende Studie von einer nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Immissionsschutz publiziert wurde, also im Zuständigkeitsbereich eines Ministers, dessen Bundesland stark in der Kohleverstromung engagiert war, trug zum Verdacht bei, die Ursachenforschung sei politisiert.

          Hypothesen über das Waldsterben

          Einen Ausweg aus diesen Unsicherheiten bot die Formel, ganz gleich, was die Ursache sei, es müssten alle Luftschadstoffe schnell reduziert werden. Zugleich wurde mehr in Forschung investiert, was allerdings zu weiteren abweichenden Hypothesen über das Waldsterben (Viren, Blei, Radioaktivität) führte, die sich so lange hielten, bis Bundesforschungsanstalten sich ihrer annahmen. Von 1985 an hatte sich dann das Thema in der Wissenschaft normalisiert, seine Dramatik wurde geringer eingeschätzt. Gesetzgebung hatte 1988 für eine Reduktion der Schwefeldioxide aus Kraftwerken gegenüber 1980 um 70 Prozent gesorgt, bei den Stickoxiden wurde trotz stark steigenden Verkehrsaufkommens das Niveau von 1980 gehalten. Politik greift eben am liebsten dort ein, wo keine Mehrheiten gefährdet sind, und feiert relative Erfolge auch dann, wenn sie der Umwelt nur relativ nützen, weil andere Werte genauso wichtig sind.

          In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre wurde das Waldsterben in den Massenmedien durch Tschernobyl und den Klimawandel abgelöst, obwohl in Umfragen noch immer 86 Prozent der Bürger den Wald gefährdet oder gar am Ende sahen.

          Entwarnt aber wurde nicht. Wissenschaftlern, die es versuchten, waren Proteste und Schlagzeilen sicher. Umweltverbände stellten lieber den Forschungsbeirat Waldsterben in Frage, als seinem Vorsitzenden durchgehen zu lassen, dass sich die Lage gebessert habe. Hier griff die Logik des Satzes „Das wäre das falsche Signal“, mit dem man jede Sachfrage in eine politische und moralische transformieren kann. Dass der deutsche Wald gefährdet ist, war längst von einer diskutierbaren Diagnose zu einem Symbol geworden.

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