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Tukane : Das Rätsel der großen Klappe

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Der Cuvier-Tukan gilt heute als Unterart des Weißbrusttukans, mit dem er sich problemlos kreuzt. Bild: Taschen Verlag

Das Markenzeichen des Tukans ist sein Schnabel. Der ungewöhlich proportionierte Vogel kommt damit gut zurecht. Doch warum hat ihn die Natur überhaupt so verschwenderisch ausgestattet?

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          Für Tukane hatte der Graf nicht viel übrig: Mit ihren monströsen und unnützen Schnäbeln stünden die unglücklichen Vögel exemplarisch für die zahlreichen Fehler der Natur, schrieb Georges Louis Marie Leclerc, Comte de Buffon, Mitte des 18. Jahrhunderts in seiner monumentalen „Allgemeinen und speziellen Geschichte der Natur“. Die bloße Existenz des Tukans widerlege die Vorstellung einer perfekten Schöpfung, so de Buffon, der den Tukan noch dazu als dumm verunglimpfte. Zu all diesen Schlüssen kam de Buffon allerdings lediglich auf Basis getrockneter Vogelbälge, die andere Naturforscher aus der Heimat der rund 40 Tukanarten, den tropischen Regenwäldern Süd- und Mittelamerikas, mitgebracht hatten. Einen lebendigen Tukan dürfte der französische Adlige zeitlebens nicht zu Gesicht bekommen haben.

          Heute muss man nicht mehr nach Südamerika reisen, um Tukane zu erleben. Es reicht ein Besuch im nächsten größeren Zoo oder Vogelpark, wo die seltsam proportionierten Vögel recht häufig gehalten werden. Im wahren Leben hinterlassen die teils fantastisch bunten und lebhaften Tukane im Gegensatz zu Buffons Vermutung einen ziemlich intelligenten Eindruck. Und auch ihr übergroßer Schnabel bereitet ihnen, anders als der Franzose und einige seiner Zeitgenossen vermuteten, weder im Flug noch beim Manövrieren zwischen Ästen größere Probleme. Selbst die kleinen Kopfbewegungen beim Beobachten der Umgebung oder bei der Nahrungsaufnahme sind nicht weniger präzise und zackig als bei ihren kleinschnäbeligen Verwandten, den Spechten.

          Der Sandwich-Schnabel

          Das Geheimnis der überraschend geringen Kopflastigkeit der Tukane liegt dabei nicht in der Überwindung der trägen Masse, sondern in deren Minimierung: Der große Schnabel macht bei manchen Arten zwar mehr als ein Drittel der Körperlänge aus, sein Anteil am Körpergewicht beträgt jedoch weniger als fünf Prozent. Wie das möglich ist, untersucht der Materialwissenschaftler Marc Meyers von der Universität von Kalifornien in San Diego seit Jahren. „Der Tukanschnabel ähnelt in seinem Aufbau extrem leichten Sandwich-Verbundwerkstoffen, wie sie im Flugzeugbau verwendet werden. Außen besitzt er eine dünne Deckschicht aus mikroskopisch kleinen Hornplättchen, die von einem organischen Kleber zusammengehalten werden. Darunter liegt ein Geflecht aus Knochenfasern, die von feinen Membranen überzogen sind.“ Das Ergebnis sei ein schaumartiges Material: leichter als Kork, aber ausgesprochen stabil, sagt Meyers, der sich davon Anregungen für neue Werkstoffe erhofft. Eine allzu große Last ist sein Schnabel dem Tukan also nicht.

          Schwarzschnabel-Tukane leben in den Bergregenwäldern Venezuelas und Ecuadors in Höhen zwischen 1500 und 3000 Metern.

          Doch das beantwortet nicht die Frage, wozu so ein Riesenzinken gut sein könnte. Frühe Naturforscher wie Alexander von Humboldt vermuteten darin ein Gerät zum Fischfang. Doch in Wirklichkeit ernähren sich Tukane vor allem von Früchten aller Art, die sie häufig im Ganzen herunterschlucken und so zur Verbreitung der Samen beitragen. Reine Frugarier sind die Vögel aber nicht, bei Gelegenheit ergänzen sie ihren Speiseplan durch Insekten, kleine Wirbeltiere oder das Plündern von Vogelnestern. Viele Forscher vermuten im Tukanschnabel eine Anpassung an diese Art der Ernährung, zumal auch die nicht näher verwandten, aber ähnlich gut bestückten Nashornvögel der Alten Welt von Früchten mit gelegentlicher Fleischbeilage leben. Warum eine frugivore Ernährung allerdings einen derart massiven Schnabel erfordern würde, ist schwer zu erklären; andere Fruchtfresser unter den Vögeln kommen mit wesentlich bescheidenerem Mundwerkzeug zurecht.

          Besonderes Aphrodisiakum

          Ist des Tukans großer Schnabel doch eher das Ergebnis sexueller Selektion, also eine Anpassung an die extravaganten Vorlieben der Weibchen? Das vermutete schon Charles Darwin, der die Theorie der sexuellen Selektion am Beispiel des Pfauenmännchens entwarf. Einer gängigen Variante dieser Theorie zufolge preist der Pfau seinen weiblichen Artgenossen mit seinen prächtigen Schwanzfedern sein besonders gutes Genmaterial an: Wer sich einen solchen Luxus leisten kann, ohne vom Fuchs geholt zu werden, muss auch sonst gute Gene besitzen, so die Logik der sogenannten Handicap Hypothese.
          Bei den Tukanen jedoch liegt die Sache anders. Denn im Gegensatz zu Pfauen und anderen Lehrbuchbeispielen der sexuellen Selektion leben sie in Einehe, die Geschlechter unterscheiden sich in der Regel kaum in Aussehen und Schnabelgröße. „Sexuelle Selektion kann aber gerade im Falle monogamer Paarbindung durchaus in beiden Richtungen wirksam sein“, sagt der Zoologe Thomas Friedl, der sich an der Universität Oldenburg mit sexueller Selektion bei Webervögeln beschäftigt. Weil Tukanmännchen einen gleichwertigen Beitrag bei der Aufzucht der Jungen leisten, hätten sie ein gesteigertes Interesse daran, eine Partnerin mit besonders guten Genen zu finden - und das könne dann auch bei den Weibchen zur Entwicklung von auffälligen und im täglichen Leben eher hinderlichem Zierrat führen.

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