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Trichoplax adhaerens : Mehrzeller ohne Nerven

  • -Aktualisiert am

Trichoplax adhaerens Bild: Ana Signorovitch/Yale University

Trichoplax adhaerens ist ein seltsamer Meeresbewohner. Er macht auf höchst eigenwillige Art Jagd auf seine Lieblingsspeise - Algen.

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          Trichoplax adhaerens steht sehr einsam im Stammbaum der Tiere. Wie molekulargenetische Studien zeigen, haben sich die Vorfahren dieses winzigen, scheibenförmigen Meeresbewohners wahrscheinlich gleich nach den Schwämmen und Rippenquallen von der übrigen Tierwelt getrennt. Wissenschaftler der National Institutes of Health in Bethesda (Maryland) haben diese seltsamen Meeresbewohner studiert und herausgefunden, auf welch eigenwilligem Weg sie Jagd auf Algen machen und sich ihre Lieblingsspeise einverleiben.

          Ausgesprochen minimalistisch, begnügt sich das kaum einen Millimeter große Tierchen mit nur sechs unterschiedlichen Zelltypen. Nervenzellen existieren nicht, geschweige denn ein Nervensystem. Dennoch kann Trichoplax mit wohlkoordinierten Aktionen einzellige Algen aufspüren, sie gezielt angreifen und sich ihren Zellinhalt einverleiben. Das haben Carolyn Smith, Natalia Pivovarova und Thomas Reese beobachtet, wie sie in der Online-Zeitschrift „PlosOne“ berichten.

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          Um in Gang zu kommen, aktiviert Trichoplax die sogenannten Cilien auf seiner Unterseite. Mit dem Wimpernschlag dieser haarförmigen Strukturen kann das Tierchen geradlinig dahingleiten, aber auch rasch auf der Stelle kehrtmachen oder seine Körperform verändern.

          Botenstoffe helfen bei der Jagd

          Nach wie vor bleibt es ein Rätsel, wie die zahlreichen Cilien ihre Bewegungsrichtung koordinieren. Jedenfalls stoppen sie abrupt, wenn Trichoplax auf eine Ansammlung einzelliger Algen stößt, die als Nahrung taugen. Das Stoppsignal gibt womöglich ein Zelltyp, der ganz ähnliche Proteine produziert wie in Nervenzellen als Verpackungsmaterial für bestimmte Botenstoffe üblich.

          Vermutlich entdecken solche Trichoplaxzellen die Algen anhand charakteristischer chemischer Substanzen und sondern dann eigene Botenstoffe ab. Mit chemischen Signalen, die nur eine geringe Reichweite haben, informieren sie offenbar einen Zelltyp, der daraufhin Bläschen mit destruktiver Füllung entleert.

          Auf diese Weise werden die Algenzellen zielgenau und in Sekundenschnelle derart zerstört, so dass sie regelrecht auslaufen. Den freigesetzten Zellinhalt scheint Trichoplax dann in sich aufzunehmen, auch mit Hilfe der Zellen, die ansonsten für die Fortbewegung zuständig sind. Offenbar dient die gesamte Unterseite als Verdauungstrakt. Eine derartige Verdauung außerhalb des eigenen Körpers ist heutzutage einzigartig im Reich der vielzelligen Tiere. Fossile Meeresbewohner, die sich möglicherweise ähnlich unkonventionell ernährt haben, finden sich nur in der rund 600 Millionen Jahre alten Ediacara-Fauna, benannt nach dem Fundort im südlichen Australien.

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