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Tierethik : Schreien Fische stumm?

Der merkt nichts, sagen Angler. Wie können sie das so genau wissen? Bild: Picture-Alliance

Tiere soll man nicht quälen. Weil auch sie den Schmerz spüren. Aber wo fängt das an? Über die Rechte von Tieren wird seit Jahren immer heftiger gestritten. Dabei wissen wir nicht einmal, was Schmerzen wirklich sind.

          Ein einziges Mal in meinem Leben habe ich einen Fisch gefangen. Es war in Norwegen, ich saß mit einer geliehenen Angel am Fjord, und da war es passiert: Ein Barsch hatte sich festgebissen, kaum größer als der Blinker, an dem er hing. Ihn vom Haken zu lösen gelang mir nicht, also habe ich ihn erschlagen. Mit der Kante meines Schuhs, was anderes hatte ich nicht dabei. Im selben Urlaub habe ich ein Eichhörnchen überfahren. Im Rückspiegel sah ich noch, dass sich sein buschiger Schwanz wie irre drehte. Das war ein Unfall. Das andere war vorsätzlicher Mord.

          Jörg Albrecht

          Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kann man das so sagen? Fische werden von Hochseetrawlern in Schleppnetzen gefangen, tonnenweise an Bord gehievt, viele von ihnen ersticken. Unter Deck läuft ein Fließband, an dem sie der Reihe nach aufgeschlitzt werden, von Betäubung ist keine Rede. In Aquakultur werden Lachse wie Schweine gemästet, aber weniger rücksichtsvoll geschlachtet; man legt sie auf Eis, damit sie weniger zappeln. Man kann das Töten von Fischen auch als Sport betreiben: Fünf Millionen Deutsche ziehen in ihrer Freizeit Karpfen, Brassen, Forellen an Land, kein Gesetz verbietet das. Die Fische selbst geben keinen Laut, sie quieken nicht wie Ferkel beim Kastrieren. Ihr Gesichtsausdruck sagt uns ohnehin nichts.

          Kein Bewusstsein, keine Folter?

          Angler und Fischereifachleute sind sich einig: Fische kennen keinen Schmerz. Sie merken es kaum, wenn sich ein spitzer Gegenstand in ihren Schlund bohrt, und wenn doch, dann haben sie es drei Sekunden später vergessen. Wenn Fische an der Angel kämpfen, dann aus bloßem Instinkt, nicht anders als der Köder, der sich am Haken windet. Fische sind Kaltblüter, stehengeblieben auf einer niederen Entwicklungsstufe. Wo kein Bewusstsein ist, da gibt es keine Folter. Denn Folter wäre es, wenn man einen Menschen, einen Affen, eine Katze oder einen Hund am Gaumen aufspießen und wie beim „water boarding“ unter Wasser ziehen würde, wo er qualvoll ersticken müsste.

          „No brain, no pain.“ Nehmen wir an, das stimmt. Wo liegt dann die Grenze des Zumutbaren? Über das Schicksal von Amöben machen wir uns keine Gedanken, auch nicht über das Wohlergehen simpler Mehrzeller wie den Schwämmen. Aber als der Schauspieler Til Schweiger unlängst eine Qualle im Mixer zerhäckselte, kam das schlecht bei seinen Fans an.

          Quallen besitzen zwar rudimentäre Sinneszellen und ein diffuses neuronales Netz. Aber Leidensfähigkeit attestieren wir den Nesseltieren normalerweise nicht. Plattwürmer verfügen bereits über Nervenstränge und empfindliche Sinnesorgane, doch niemand bekommt Gewissensbisse, wenn er einen Bandwurm vergiftet. Anders sieht das schon bei den Mollusken aus; wer schneidet gern eine Schnecke entzwei, selbst wenn sie noch so viel am Salat nagt? Eine Mücke dagegen zerquetschen wir ohne Reue, obwohl sie zum Stamm der Arthropoden gehört, die erstaunliche Leistungen vollbringen.

          Der Hummer und der Kochtopf

          Hummer beispielsweise, vom Unterstamm der Krebstiere, wachsen ein Leben lang, wobei sie ihren Panzer immer wieder erneuern. Vor der Küste Yorkshires hat man Exemplare gefangen, deren Alter auf siebzig Jahre geschätzt wurde. Mit ihren Sinneshärchen spüren sie taktile Reize ebenso gut, als wenn sie eine dünne Haut besäßen. Sie registrieren Unterschiede in der Wassertemperatur von einem oder zwei Grad Celsius und richten danach ihre Wanderungen am Meeresgrund aus. Man könnte Hummer als sensibel betrachten. Wenn da nicht die Sache mit dem Kochtopf wäre.

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