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Tierethik : Schreien Fische stumm?

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Hier wird es endgültig philosophisch. Der Amerikaner Thomas Nagel hat vor vierzig Jahren einen vielzitierten Aufsatz veröffentlicht, unter dem Titel „Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?“. Auf welche Weise sich Fledermäuse orientieren, ist bestens erforscht. Des Nachts jagen sie ihre Beute per Ultraschall, tagsüber hängen sie kopfüber im Schlaf. Wir können die neuromotorischen Besonderheiten der Fledermaus in allen Details erklären. Doch wie sie die Welt erlebt, ist für uns nicht nachvollziehbar. Thomas Nagel hat daraus gefolgert, subjektive Empfindungen (in der Philosophie „Qualia“ genannt) könnten gar nicht objektiv erfasst werden, auch nicht mit den fortgeschrittensten Methoden der Naturwissenschaften.

Für den Schmerz trifft das weitgehend zu. Er wird immer nur subjektiv empfunden. Objektiv messen lassen sich höchstens Erregungspotentiale an den Synapsen. Wenn ein menschlicher Patient seine Schmerzen schildern soll, dann kann er sie zum Beispiel als quälend, marternd, lähmend, schrecklich oder unerträglich beschreiben. Auf einer numerischen Skala kann er sie von eins bis zehn einordnen. Für Kinder wurde eigens eine Smiley-Skala entwickelt, die lächelnde, neutrale und weinende Gesichter zeigt. Aber das sind eben nur indirekte Methoden, den emotionalen Schmerz zu erkunden.

Im Umgang mit Tieren sind wir mangels sprachlicher Verständigung auf unser Mitgefühl angewiesen. Aber Empathie stößt an Grenzen. Der Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer war berühmt dafür, mit jeder Kreatur zu leiden. Aber auch er kam nicht an der Tatsache vorbei, dass er zum Verfolger der Maus wurde, die in seinem Haus wohnt, „zum Mörder des Insekts, das darin nisten will, zum Massenmörder der Bakterien, die mein Leben gefährden“.

Der mitfühlende Schlachter

In Deutschlands Schlachthöfen dürfen Tiere nur unter Betäubung getötet werden. Muslime sehen das traditionell anders. Aber auch der Koran schreibt vor, dem Tier so viel Leid wie möglich zu ersparen. Das Lamm soll arglos sein, der Schlachter sein Messer verbergen. Er soll es beruhigen, in den Arm nehmen, ihm zu trinken geben - um ihm dann mit einem einzigen Schnitt blitzschnell die Kehle durchzutrennen. Ein Kompromiss, der hierzulande gefunden wurde, sieht vor, ihm vorsorglich einen Stromstoß zu verpassen.

In einem Urlaub auf Santorin erlebte ich mal, wie der Nachbar ein Maultier mit Steinplatten belud, eine nach der anderen, bis dem Tier die Hinterbeine einknickten. Ich sah den Mann vorwurfsvoll an. „Die sind stark, diese Mulis“, sagte er und spannte seinen Bizeps: „Stark sind die!“ Das Maultier rappelte sich auf und blickte ergeben. Jedenfalls sah es für mich so aus.

Schreien Hummer stumm? Empfinden Fische tödliche Qualen? Wie groß ist das Elend der Schlachthöfe?

Wahrscheinlich sind das Fragen, auf die es prinzipiell keine Antwort gibt. Weil wir nun mal nicht wissen können, wie es ist, ein Hummer, ein Fisch oder ein Lamm zu sein. Aber gerade das sind Fragen, über die sich das Nachdenken lohnt.

Quellen:

David Foster Wallace: „Consider the Lobster“, www.gourmet.com/magazine/2000s/2004/08/consider_the_lobster;

Culum Brown: „Fish intelligence, sentience and ethics“, Animal Cognition, June 2014.

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