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Tierethik : Schreien Fische stumm?

Der Schriftsteller David Foster Wallace wurde einmal von der Redaktion eines Feinschmeckermagazins beauftragt, seine Eindrücke von einem Hummerfestival zu schildern, das alljährlich an der Küste von Maine stattfindet. Dort landen an einem einzigen Wochenende an die 25 000 Pfund frisch gefangener Lobster im größten Hummerkochtopf der Welt. Wallace begann, sich Gedanken zu machen. Ist es in Ordnung, so fragte er die Leser, ein mit Sinnen ausgestattetes Wesen lebendig zu kochen, nur um bestimmte kulinarische Vorlieben zu befriedigen? Ist die Frage überhaupt angebracht? Und was heißt in diesem Zusammenhang „in Ordnung“?

Volkes Meinung lieferte der Taxifahrer: „Dem Hummer fehlt einfach ein Gehirn, wie wir es haben.“ Womit er nicht ganz falsch lag: Hummer besitzen kein zentralisiertes Denkorgan, sondern eine Art neuronale Strickleiter, die sich zu mehreren Nervenknoten, den Ganglien, bündelt. Das ist ein gemeinsames Merkmal aller Gliederfüßer, zu denen neben den Krebsen so unterschiedliche Organismen wie Insekten, Spinnen und Skorpione zählen. Gemeinsam stellen sie rund achtzig Prozent aller heute existierenden Tierarten. Keine von ihnen wäre nach dieser Definition imstande, Qualen zu empfinden. Als Beweis dient Zoologen alter Schule unter anderen die Gottesanbeterin, die ihren Partner lebendig verschlingt, während der noch seelenruhig weiter kopuliert.

Allerdings ist es nicht so, dass der Hummer es nicht merkt, wenn er in kochendes Wasser getaucht wird. So apathisch er nach langem Transport auch sein mag - in diesem Moment erwacht er zu ungeahntem Leben. Ein ungeübter Koch hat Schwierigkeiten, ihn überhaupt in den Kochtopf zu bekommen. In der Praxis verhindert nur ein schwerer Deckel, dass er wieder herausklettert. Erfahrungsgemäß dauert es eine halbe Minute, bis das Kratzen und Rumoren aufhört. Eine vermeintlich humanere Methode besteht darin, dem Hummer ein scharfes Messer zwischen die Stielaugen zu rammen; aus biologischer Sicht ist das wenig hilfreich, denn er besitzt ja nicht nur ein Ganglion, sondern insgesamt fünf davon.

Der Reflex und der Schock

In Deutschland ist zur Tötung eines Hummers nur die Kochmethode erlaubt, und zwar mit dem Kopf voran. Profiköche in aller Welt schneiden ihn vorher in Stücke und garen nur Scheren und Schwanz. Französische Hausfrauen schwören, dass ein Hummer saftiger bleibt, wenn man ihn mit kaltem Wasser aufsetzt und langsam zum Sieden bringt. Dass er sich dann friedlicher verhält, wie der Frosch, der angeblich erst zu spät bemerkt, wie man ihm einheizt, ist auch nur eine Legende. Tröstlich immerhin zu wissen: Das schrille Pfeifen, das beim Hummerkochen manchmal aus dem Kochtopf dringt, ist nicht sein Todesschrei, wie Hummerfreunde glauben, sondern rührt von dem Salzwasser her, das in seiner Karkasse eingelagert ist und in kleinen Dampfexplosionen austritt.

David Foster Wallace war zunehmend irritiert, als er über diese Dinge nachdachte. Hummer besitzen zwar kein Gehirn, aber immerhin Nozizeptoren. Das sind freie Nervenendigungen, die dafür sorgen, dass ein Organismus spürt, wenn sein Gewebe mechanisch, thermisch, chemisch oder sonstwie geschädigt wird (daher auch der Name, der sich vom lateinischen Verb „nocere“, schaden, ableitet). Nozizeptoren sind im Tierreich weit verbreitet. Auch beim Menschen finden sie sich überall, außer im Gehirn und in der Leber, was zum Teil erklärt, warum diese Organe keinen Schmerzreiz senden.

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