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Taxonomie : Die Taufliege in der Identitätskrise

  • -Aktualisiert am

Drosophila melanogaster (noch stimmt's), hier in kampfbereitem Anflug Bild: ETH Zürich

Sie ist seit langem der wohl prominenteste Modellorganismus der Genetik und Entwicklungsbiologie: die Fruchtfliege, Drosophila melanogaster. Doch nun könnte es ihr an den Namen gehen, denn eine ihrer beiden Untergattungen soll in den Rang der Gattung erhoben werden.

          Sie ist zwar nur wenige Millimeter groß, aber dennoch ein großer Star unter den Biologen. Die Rede ist von der Taufliege Drosophila melanogaster, dem wohl wichtigsten Tiermodell für die Genetik, Evolutions- und Entwicklungsbiologie. Die Fliege begann ihre Karriere im Jahr 1910 im Labor des Genetikers und Nobelpreisträgers Thomas Hunt Morgan, der an ihr die Grundlagen der Vererbung studierte. Derzeit erlebt das Insekt allerdings eine schwere Identitätskrise. Denn sie soll umbenannt werden in Sophophora melanogaster. Dafür hat sich die Mehrheit der Internationalen Kommission für Zoologische Nomenklatur (ICZN) ausgesprochen.

          Die Taufliege gehört zur Gattung Drosophila - mit ihren beiden Untergattungen Drosophila und Sophophora -, die mit 2000 Arten so groß und vielgestaltig ist, dass die Taxonomen schon lange darüber diskutieren, welche Arten wie eng miteinander verwandt sind. Während man fast ein Jahrhundert lang die Verwandtschaft überwiegend nach morphologischen Kriterien festlegte, nutzt man seit rund zehn Jahren die aussagekräftigeren Daten des Genoms. Die Genomsequenzen haben gezeigt, dass etliche Fliegenarten falsch einsortiert sind. Nun will man sogar die Untergattungen neu ordnen: Sophophora, zu der die Taufliege zählt, soll in den Rang einer Gattung gehoben werden. Die kleine rotäugige Fliege hieße also künftig Sophophora melanogaster.

          Umbenannt muss werden, aber wer?

          Wissenschaftlich ist an den phylogenetischen Daten nicht zu rütteln, die letztlich der Taufliege eine neue Stellung zuweisen. Damit Drosophila ihren Namen aber behalten kann, hat die Ökologin Kim van der Linde von der Florida State University vorgeschlagen, nicht die Taufliege selbst, sondern wissenschaftlich weniger relevante Fliegen umzubenennen. Sie hat Unterstützer auch in der Kommission ICZN gefunden, die ihrerseits mit historischen und praktischen Argumenten wie Kontinuität und Klarheit in Datenbanken und Publikationen argumentierten. Ein Mitglied hielt den bisherigen lateinischen Namen der Fliege sogar für so wichtig wie die Bezeichnung Homo sapiens für den Menschen.

          Nach van der Lindes Vorschlag aber müsste die 1787 entdeckte Drosophila funebris, die der ganzen Gattung bisher den Namen gab, ihren Namen aufgeben - die Hürde wollen die Taxonomen allerdings nicht erklimmen. Eine erdrückende Mehrheit der ICZN sah die Stabilität des taxonomischen Systems gefährdet, wenn man den neuen wissenschaftlichen Daten nicht Rechnung trage. Außerdem wollte man keinen Präzedenzfall für Sonderregelungen schaffen. So könnte es sein, dass in Zukunft beide Namen synonym verwendet werden.

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