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Schmetterlinge : Die perfekte Tarnung

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Der Enzianbläuling Bild: Naturschutzbund Deutschland, www.Naturwege-Uelzen.de

Die Raupe des Bläulings führt Ameisen hinters Licht. Sie vermag Duftstoffe und Geräusche zu erzeugen, die die den Ameisen vorgaukeln, es handle sich um ihresgleichen.

          Der Enzianbläuling, Maculinea rebeli, plaziert seine Eier stets auf Blüten des Kreuzenzians (Gentiana cruciata) oder des Deutschen Enzians (Gentianella germanica). Derart wählerisch zu sein ist für Schmetterlinge nicht ungewöhnlich. Die Raupen des Enzianbläulings begnügen sich allerdings nicht mit der vegetarischen Kost, die ihnen so sorgfältig ausgesucht wird. Wenn sie ein Gewicht von ein bis zwei Milligramm erreicht und sich zum dritten Mal gehäutet haben, begeben sie sich auf Wanderschaft. Mit etwas Glück laufen sie früher oder später der Ameise Myrmica schencki über den Weg. Diese Ameisen tragen die Bläulingsraupen heim in ihr Nest und umsorgen sie dort wie ihren eigenen Nachwuchs. Animiert werden sie dazu von spezifischen Duftstoffen, die ihnen vorgaukeln, es handele sich bei den kleinen Raupen um ihresgleichen. Dass die Bläulinge neben den chemischen Signalen auch akustische einsetzen, um ihre Gastgeber zu täuschen, haben Wissenschaftler um Francesca Barbero und Simona Bonelli von der Universität Turin herausgefunden ("The Journal of Experimental Biology", Bd. 212, S. 4084). Gemeinsam mit Jeremy Thomas von der University of Oxford entdeckten sie, dass Bläulingsraupen, die sich geräuschvoll bemerkbar machen, geradezu königlich hofiert werden.

          Auch die Puppen sind Täuscher

          Wie viele andere Ameisen können auch die der Gattung Myrmica akustisch kommunizieren. Mit einer Art Plektrum an ihrer Taille streichen sie über eine waschbrettartige Struktur an ihrem Hinterleib. Dabei gibt die Königin - das für die Produktion von Nachwuchs zuständige Weibchen - deutlich tiefere Frequenzen von sich als die Arbeiterinnen. Erstaunlicherweise können die Raupen und Puppen des Enzianbläulings ebenfalls Töne hervorbringen, die im Frequenzbereich der Ameisenkönigin liegen. Dazu dient ihnen eine entsprechende Struktur zwischen dem fünften und sechsten Körpersegment. Wenn Arbeiterinnen von Myrmica schencki mit solchen Geräuschen konfrontiert werden, sind sie sofort zur Stelle, gerade so, als sei ihre Königin in Bedrängnis. Wie die Forscher beobachteten, sichern sich die Sprösslinge des Enzianbläulings auf diese Weise nicht nur eine hervorragende Pflege und Verpflegung. Sollte das Ameisennest angegriffen werden, eilen die Arbeiterinnen auch schneller zur Rettung von Bläulingsraupen und -puppen herbei, als sie sich um ihre eigene Brut kümmern.

          Seltene Tagfalter

          Ganz ähnliche Laute wie der Nachwuchs des Enzianbläulings erzeugt auch der eines nahen Verwandten, des Schwarzfleckigen Bläulings (Maculinea arion). Dessen Raupen wachsen zunächst auf Thyminanblüten heran, lassen sich dann zu Boden fallen und von der Ameise Myrmica sabuleti heimschleppen. Im Ameisennest angekommen, lassen sie sich jedoch nicht als Pflegling adoptieren. Stattdessen verkriechen sie sich in einen Winkel, aus dem sie ab und zu hervorkommen, um sich an der Ameisenbrut gütlich zu tun. Das können sie ungestraft, denn mit ihren Lautäußerungen tarnen sie sich als Königin, als unantastbares Oberhaupt des Ameisenvolks. Trotz dieser raffinierten Anpassung sind Enzianbläuling und Schwarzfleckiger Bläuling hierzulande ausgesprochen rar geworden. Kein Wunder, gibt es doch nur noch wenig Wiesen und Weiden, auf denen sich sowohl die passenden Futterpflanzen für die jungen Raupen finden als auch die passenden Gastgeber für die älteren.

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