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Rotmilan : Im Schwebeflug zwischen Wald und Flur

  • -Aktualisiert am

Rotmilan auf im Schwebeflug auf Beutezug Bild: Eckhard Gottschalk

Der Rotmilan hat in Europa seine Heimat. Doch sich wandelnde Kulturlandschaften bedrohen den Bestand. In Deutschland hat man die Gefahren erkannt und erste Maßnahmen ergriffen.

          Das deutsche Wappentier ist der Adler. Typischer für Deutschland ist allerdings ein anderer Greifvogel, der Rotmilan. Dieser rare Vogel – an seinem rostroten, tief gegabelten Schwanz leicht zu erkennen – zählt zu den Tierarten, für die Deutschland eine besondere Verantwortung hat: Weltweit wird die Zahl der Brutpaare auf kaum mehr als zwanzigtausend geschätzt, von denen über die Hälfte hierzulande zu Hause ist. Den Winter verbringen die meisten Rotmilane zwar in Südeuropa. Im Frühling und Sommer lassen sie sich aber am ehesten in Deutschland beobachten, vor allem in Sachsen-Anhalt, Südniedersachsen, Thüringen und Hessen. Durchaus Kulturfolger, brütet der Rotmilan manchmal auf einem Baum, der mitten in einem Dorf steht. Mitunter streift er sogar, auf der Suche nach nahrhaften Happen, über Stadtgebiet.

          Abwechslungsreiche Verpflegung

          Seit den neunziger Jahren ist der Rotmilan jedoch vielerorts seltener geworden. Anscheinend leidet er ähnlich wie Rebhühner und Feldlerchen darunter, dass sich die Agrarlandschaft rasant verändert. Herauszufinden, was ihm das Leben schwer macht, das haben sich Wissenschaftler um Eckhard Gottschalk und Nicole Wasmund von der Abteilung Naturschutzbiologie der Universität Göttingen vorgenommen (www.rotmilanprojekt.de). Im Jahr 2009 begannen sie, die Rotmilane im nahegelegenen Vogelschutzgebiet „Unteres Eichsfeld“ zu studieren. Bei sechs Nestern gelang es dort, mit einer Videokamera hineinzuschauen, während die Jungen heranwuchsen. In einem konnte Nicole Wasmund das Familienleben der Rotmilane sogar vier Jahre in Folge beobachten.

          Weil Rotmilane auf hohen Bäumen brüten, galt es zunächst, dort hinaufzuklettern, um einen halben Meter vom Nest entfernt eine Videokamera zu installieren. Auf den Filmaufnahmen konnten die Forscher um Gottschalk sehen, welche Leckerbissen die Vogeleltern nach einem Jagdausflug ihren Jungen mitbrachten. Anders als beim Mäusebussard, der seinem Namen alle Ehre macht, erwies sich die Verpflegung der Nestlinge als erstaunlich abwechslungsreich: Außer Mäusen wurden zum Beispiel auch mal Maulwürfe oder Ratten verfüttert sowie diverse Vögel, vor allem junge, die noch unbeholfen umherflattern. Mal gab es einen Frosch, mal einen Fisch, und bisweilen wurden die Sprösslinge der Rotmilane sogar mit Regenwürmern abgespeist.

          Die Jungen geben sich nicht mit Regenwürmern zufrieden.

          Auch tote Tiere sind für den Rotmilan ein gefundenes Fressen. Er verhält sich wie ein kleiner Geier und akzeptiert auch das, was Rabenkrähen und andere Konkurrenten verschmähen. Auf den Videoaufnahmen sind auch junge Rotmilane zu sehen, die lange, sperrige Knochen herunterwürgen oder die Wirbelsäule eines Hasen. Sie können solch harte Brocken vollständig verdauen und die darin enthaltenen Mineralstoffe, Fette und Proteine für ihren eigenen Stoffwechsel nutzen. Wenn ein Rotmilan auf der Straße nach Futter sucht, kann ihm das freilich zum Verhängnis werden. Während er sich aus einem überfahrenen Fuchs oder Igel einen Happen herauspickt, kommt er mitunter selbst unter die Räder.

          Beute für Habichte

          Diese Gefahr wäre womöglich geringer, wenn der Rotmilan entsprechende Beute häufiger abseits von Straßen finden würde. Dank hilfsbereiter Jäger konnten die Biologen testen, ob so ein Angebot angenommen wird. An Stellen, die für Rotmilane leicht zugänglich waren und wo es niemand störte, wurden Jagdabfälle oder überfahrenes Wild ausgelegt. Wer sich daran zu schaffen machte, zeigten die in der Nähe installierten Fotofallen. Dass sich Rabenvögel und Mäusebussarde dort am häufigsten bedienten, war zu erwarten. Schließlich bevölkern sie die Region viel zahlreicher als die Rotmilane. Als gelegentliche zusätzliche Nahrungsquelle scheinen die Gaben der Jäger aber auch für diese raren Greifvögel zu taugen.

          Wie gut die jungen Rotmilane insgesamt versorgt wurden, ließ sich aus der Größe und Anzahl der Beutestücke recht genau berechnen. Eher knapp bemessen sind die Rationen meist in den Jahren, in denen nur wenig Wühlmäuse die Felder bevölkern. Wenn sich die Mäuse dort zahlreich tummeln, machen sie durchschnittlich dreißig Prozent des Speiseplans aus. Wenn nicht, sind es bloß etwa zehn Prozent. Dann können viele Rotmilane so wenig Futter herbeischaffen, dass die heranwachsenden, immer hungrigeren Nestlinge schließlich verhungern müssen.

          Allerdings überlebt der Nachwuchs auch bei ausreichender Verpflegung nicht immer: Wenn beide Eltern nach Futter suchen, bleiben die jungen Rotmilane allein zu Hause und sind dem Habicht schutzlos ausgeliefert. Mehrmals hat eine an einem Nest installierte Videokamera aufgezeichnet, wie ein Habicht dort landete und mit seinen Krallen gezielt zupackte. Von den 27 Jungen, die ständig unter Beobachtung standen, kamen acht durch einen solch tödlichen Zugriff ums Leben, bevor sie flügge wurden. Andere Sprösslinge des Rotmilans sind vermutlich gar nicht erst aus dem Ei geschlüpft, weil Waschbären das Nest entdeckt und geplündert hatten. Auf frischer Tat ertappt wurden diese berüchtigten Nesträuber bislang zwar noch nicht. Fotofallen belegen jedoch, dass sie gerne am Fuß der Bäume herumstöbern, in deren Geäst Rotmilane brüten. Wenn die Waschbären außerdem am Stamm hinaufkletterten, verließ das Brutpaar häufig sein Nest und kehrte nicht mehr zurück.

          Schrumpfender Lebensräume

          Obwohl Rotmilane meist zwei und manchmal sogar drei Eier legen, wurde im Vogelschutzgebiet „Unteres Eichsfeld“ im Durchschnitt nur etwa ein Junges flügge. Nach Einschätzung von Eckhard Gottschalk reicht das womöglich aus, um die Population stabil zu halten. Schließlich sind Rotmilane langlebige Vögel. Anders als Rebhühner zum Beispiel, die meist nur eine Chance haben, können die Greifvögel nach einem Misserfolg gewöhnlich noch weitere Brutversuche starten. Vielerorts findet der Rotmilan aber wohl weniger Nahrung für seine Jungen als in dem Vogelschutzgebiet. Wo er mit Vorliebe nach Fressbarem sucht, haben die Göttinger Forscher genau beobachtet.

          Anders als der Mäusebussard hält der Rotmilan nie im Sitzen nach Beute Ausschau. Immer in Bewegung, schwebt er manchmal nur wenige Meter über dem Boden. Dabei versucht er stets elegant, den Wind für einen energiesparenden Gleitflug zu nutzen. Diese Jagdtechnik taugt freilich nicht für Wälder. Wahrscheinlich von Spanien oder Italien aus konnte der Rotmilan erst Mitteleuropa besiedeln, als sich dort Ackerbau und Viehzucht ausgebreitet hatten. Frisch gemähte Wiesen sind eindeutig seine bevorzugten Jagdgründe: Wenn der Landwirt mit der Mähmaschine zugange ist, sind die Rotmilane rasch zur Stelle. Ähnlich wie Störche haben sie offenbar gelernt, wo ein reich gedeckter Tisch auf sie wartet. Zum einen stürzen sie sich auf kleine Tiere, die vor dem Mähbalken nicht schnell genug fliehen konnten. Mitunter kommt auch mal ein junger Hase so ums Leben. Zum anderen liefern frisch gemähte Wiesen auch viel quicklebendige Beute. Denn die kurzen Stoppeln der Grashalme bieten kaum noch Sichtschutz, für Mäuse ebenso wenig wie für Frösche.

          Viele Wiesen wurden jedoch längst umgepflügt und in Felder mit Weizen, Raps oder Mais verwandelt. Und selbst wo noch Klee und Gras wächst, auf sogenanntem Grünland, macht der Rotmilan nur kurzzeitig reiche Beute. Denn sobald Mäuse und andere Tiere keine Deckung mehr finden, verziehen sie sich. Dann muss der Rotmilan wochenlang warten, bis das Gras wieder nachgewachsen und die nächste Mahd fällig ist. Auf der Suche nach frisch gemähten Wiesen weit umherzustreifen, ist für ihn keine Option. In der Familienphase ist er an sein Revier gebunden, mit einem Aktionsradius von kaum mehr als drei Kilometern. Deshalb überlegten die Biologen, wie sich das Nahrungsangebot vor Ort verbessern ließe. Sie begannen, mit den Landwirten zusammenzuarbeiten.

          Ein Uhu als Lockvogel

          Im Rahmen des Kooperationsprogramms Naturschutz werden seither einige Grünlandflächen während der Brutzeit der Rotmilane mehrmals gemäht. Futter fürs Vieh liefert immer nur ein Teil der Fläche und in der folgenden Woche dann ein anderer Teil. So soll der Rotmilan immer wieder einen reich gedeckten Tisch finden. Ob sich seine Lebensbedingungen dadurch tatsächlich wesentlich verbessern, auch außerhalb spezieller Vogelschutzgebiete? Um diese Frage geht es unter anderem in einem Projekt des Bundesamts für Naturschutz im Rahmen des Förderschwerpunkts „Verantwortungsarten“: Seit Oktober 2013 kümmert sich der Deutsche Verband für Landschaftspflege in elf Regionen, verteilt auf acht Bundesländer, um die Beratung der Landwirte und die praktischen Details. Gleichzeitig sorgt der Dachverband Deutscher Avifaunisten nicht nur für eine umfassende bundesweite Zählung der Brutpaare. Mit Methoden, die an der Universität Göttingen entwickelt wurden, organisiert er auch eine Evaluation der Schutzbemühungen zugunsten des Rotmilans.

          Bei einem Teilprojekt im Landkreis Göttingen laufen die Fäden wieder bei Eckhard Gottschalk an der Abteilung Naturschutzbiologie zusammen. Um einzelnen Rotmilanen monatelang auf der Spur bleiben zu können, bestückten die Biologen einige mit kleinen Sendern. Wer sein Forschungsobjekt derart ausstatten will, muss es zunächst jedoch einfangen. Das gelang mit einem zahmen Uhu als Lockvogel. Erwartungsgemäß versuchten ortsansässige Rotmilane, den vermeintlichen Eindringling zu attackieren und zu vertreiben. Mit Telemetrie lässt sich nun herausfinden, wo die mit einem Sender ausgerüsteten Greifvögel mit Vorliebe umherstreifen und wie sich ihr Aktionsradius im Laufe des Jahres verändert.

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