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Artensterben : Ist das Sterberegister der Natur außer Kontrolle?

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., Anne Bäurle, Anika Assfalg, Kerstin Pasemann

Die Wissenschaft sagt: Der Artenschwund ist noch viel größer als in Roten Listen ausgewiesen. Unser FAZ.NET-Comic-Video erklärt, warum das Thema unterschätzt wird.

          Denkt man an Hawaii, denkt man an blaues Meer und blauen Himmel, an exotische, intakte Natur. An einen Brennpunkt des ökologischen Massensterbens denken jedenfalls die wenigsten. Doch genau als solche wird die Inselgruppe im Pazifischen Ozean von Fachleuten bezeichnet. Denn die hawaiianische Flora und Fauna war einst sehr viel artenreicher. Auf der Inselgruppe entstanden, abgeschottet durch das Meer, mit den Jahrtausenden viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten. Viele von ihnen sind endemisch, es gibt sie auf Hawaii und nirgendwo sonst. Mit der Zeit wurden sie immer weniger, denn der Mensch setzte Tiere und Pflanzen nicht nur auf die Speisekarte, er schleppte auch fremde Arten auf die Inselgruppe ein, denen die einheimischen nichts entgegenzusetzen hatten.

          Das tat der Mensch allerdings nicht nur auf Hawaii, wie ein Blick auf die Rote Liste der bedrohten Tier- und Pflanzenarten der Weltnaturschutzunion IUCN zeigt. Seit fünfzig Jahren dokumentiert die Rote Liste den Status der Arten auf der Erde. Und von Jahr zu Jahr stehen mehr gefährdete Tiere und Pflanzen auf der Liste, 2015 sind es 77 340. Seit mehreren Jahrhunderten hat sich das Artensterben derart beschleunigt, dass Forscher mittlerweile von einem sechsten Massensterben der Erdgeschichte sprechen.

          Neu in der Roten Liste und sofort hochbedroht: eine Frauenschuh-Orchidee.

          Dabei zeige die Rote Liste noch nicht einmal das ganze Ausmaß des weltweiten Artensterbens, wie Wissenschaftler von der University of Hawaii in Manoa jetzt in der Zeitschrift „Conservation Biology“  berichten. Die Forscher um Claire Régnier waren auf der Suche nach der artenreichsten Landschneckenfamilie Hawaiis, den sogenannten Amastridae. 325 Arten dieser nur auf der Inselkette vorkommenden Schneckenfamilie sind beschrieben. Doch die Wissenschaftler konnten nur noch 15 der 325 Arten aufspüren. 95 Prozent der Landschneckenfamilie sind damit mutmaßlich verschwunden.

          Auf der Roten Liste findet man die Schneckenfamilie allerdings trotzdem nicht - ebenso wenig wie viele andere wirbellose Tiere, wie die Forscher kritisieren. Generell würde dem Artensterben wirbelloser Tiere wie Insekten oder Schnecken viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, wo doch 99 Prozent aller bekannten Arten zur Gruppe der wirbellosen Tiere gehörten. Tatsächlich sind auf der Roten Liste der gefährdeten Arten der Weltnaturschutzunion deutlich mehr Wirbeltiere gelistet, vor allem Vögel, Säugetiere und Amphibien.

          Insgesamt gibt es derzeit rund 1,9 Millionen beschriebene Tierarten. Davon sind etwa 1,88 Millionen wirbellose Tiere, größtenteils Insekten. Doch auf der Roten Liste der gefährdeten Arten gehört nicht einmal jede dritte Art zu den Wirbellosen - für die Wissenschaftler ein großes Missverhältnis.

          Den Grund für die Ausgrenzung der wirbellosen Tiere sehen sie in den Kriterien der Weltnaturschutzunion. Damit die Organisation eine Art auf ihre Gefährdung hin untersucht, braucht sie nämlich einen großen Datensatz: Informationen über das genaue Verbreitungsgebiet einer Art zum Beispiel. Ebenso Informationen, wie es um ihren Lebensraum bestellt ist, welchen Bedrohungen die Tiere ausgesetzt sind, wie sich die Population über die Jahre entwickelt hat.

          Eine der letzten ihrer Familie: Die hawaiianische Landschnecken-Art Laminella sanguinea.

          Nur von einer geringen Zahl der Arten seien diese Daten in der geforderten Fülle verfügbar, so Régnier. Die meisten von ihnen seien Wirbeltiere. Von vielen Insekten oder Schnecken fehlten die Daten dagegen grundsätzlich. Oft würden diese Tiere daher von den Kriterien der Roten Liste der gefährdeten Arten ausgeschlossen, auch wenn niemand wüsste, ob sie ausgestorben seien oder nicht. „Das führt zu einer falschen Einschätzung des tatsächlichen Rückgangs der Artenvielfalt“, erklären die Forscher.

          Sie schlagen daher einen neuen Ansatz vor, um das Aussterben der wirbellosen Tiere besser einschätzen zu können und somit den Verlust der gesamten Artenvielfalt auf der Erde. Régnier und ihre Kollegen dokumentierten das Vorgehen beispielhaft an zweihundert verschiedenen Landschneckenarten weltweit. Sie sammelten Informationen aus Naturkundemuseen auf der ganzen Welt, werteten wissenschaftliche Publikationen aus und sprachen mit Experten und Hobbywissenschaftlern. In die Rote Liste der bedrohten Arten sind den Forschern zufolge 85 Prozent der untersuchten Landschneckenarten allein deshalb nicht aufgenommen worden, weil es zu wenig verfügbare Informationen über sie gibt. Nach Auswertung der gesammelten Daten kamen sie zu dem Ergebnis, dass zehn Prozent der zweihundert Landschneckenarten bereits ausgestorben sind.

          Auch die Bananen-Orchidee ist nahezu ausgestorben. Die Rote Liste soll dazu dienen, den Schutz solch hochgefährdeter Arten auszuweiten.

          Nun beruht dieser Ansatz vornehmlich auf einer subjektiven Einschätzung, das räumen auch die Forscher ein. Daher überprüften sie ihre Ergebnisse mit einer statistischen Software, die oft auch eingesetzt wird, um das Aussterben von Wirbeltieren wie Säugetieren und Vögeln abzuschätzen. Auch das mathematische Modell kam mit sieben Prozent zu einem ähnlichen Prozentsatz, wie ihn die Forscher bereits berechnet hatten.

          Statistisch weicht die Rote Liste von den Erfahrungen der Wissenschaftler deutlich ab. Aktuell enthält sie 830 insgesamt ausgestorbene Tier- und Pflanzenarten. Bei 1,9 Millionen beschriebenen Arten wären damit bisher 0,05 Prozent aller Arten von der Erde verschwunden. Ein zu großer Unterschied, meint Régnier. Auch andere wirbellose Tierarten wie Insekten seien zu einem ähnlich hohen Anteil ausgestorben wie die Landschnecken. Beide Tiergruppen hätten vergleichbare Ansprüche an ihren Lebensraum und ein ähnlich begrenztes Verbreitungsgebiet. Die Forscher betonen, mit der Roten Liste lasse sich zwar das Aussterben von Wirbeltieren gut dokumentieren. Damit würde allerdings lediglich ein Prozent aller Tierarten erfasst. Für wirbellose Tierarten müssten andere Ansätze gefunden werden, insbesondere sollten neben mathematischen Berechnungen auch die Daten von Naturkundemuseen und die Fachkenntnisse von Experten stärker genutzt werden. „Mit der Roten Liste allein kann die Forschung das Ausmaß des weltweiten Artensterbens nicht vollständig darstellen.“

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