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Paläontologie : Ein Vogel mit Saurierfüßen

  • -Aktualisiert am

Vogelflügel und Saurierfüße Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

War der Archaeopteryx eher ein Vogel oder ein Saurier? Darüber streiten die Paläontologen schon seit langem. Die „Vogelfraktion“ bekommt nun Gegenwind, denn ein unlängst untersuchtes Fossil entuppt sich als erstaunlich reptilienhaft.

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          Seit fast eineinhalb Jahrhunderten geraten sich Paläontologen regelmäßig in die Haare, sobald das Wort „Archaeopteryx“ fällt. Erstaunlich ist das nicht. Denn die Fossilien aus den Plattenkalken um Solnhofen in Bayern veranschaulichen ein evolutionäres Großereignis - die Entwicklungsgeschichte der ersten Vögel vor rund 150 Millionen Jahren. Ist Archaeopteryx mehr ein Saurier, ein Vogelsaurier, ein Sauriervogel oder ein Vogel?

          Inzwischen gilt, daß Archaeopteryx einen Vogel repräsentiert, wenn auch einen, der noch etliche Anklänge an Dinosaurier erkennen läßt. Erstaunlich klar tritt diese Verwandtschaft beim jüngsten Urvogel-Fund zutage. Wie Wissenschaftler um Gerald Mayr vom Frankfurter Forschungsinstitut Senckenberg jetzt in der Zeitschrift „Science“ (Bd. 310, S. 1483) berichten, erscheint eine Abgrenzung von den Deinonychosauriern, zu denen etwa der aus dem Film „Jurassic Park“ bekannte Velociraptor zählt, nun schwieriger denn je.

          In drei Arten untergliedert

          Den ersten Hinweis auf die Urvögel in den Solnhofener Schichten lieferte im Jahr 1860 eine versteinerte Feder. Ein Jahr später wurde auch ein Skelett der zugehörigen Tierart geborgen, die nach der alten, in Stein eingeprägten Feder den Namen Archaeopteryx lithographica erhielt. Mittlerweile haben sich neun weitere Urvögel dazugesellt, als letzter der jetzt untersuchte Fund. Aufgrund mancher Unterschiede hat man die Gattung Archaeopteryx in drei Arten untergliedert. Einer der Solnhofener Urvögel, ein besonders großes und in der Anatomie der Zehen abweichendes Exemplar, wird sogar als eigene Gattung (“Wellnhoferia“) geführt. Namenspatron ist der Münchener Paläontologe Peter Wellnhofer.

          Der Archaeopteryx, der nun am Forschungsinstitut Senckenberg genau unter die Lupe genommen wurde, ist im Besitz eines amerikanischen Privatmuseums, des Wyoming Dinosaur Center in Thermopolis. Der Eigner, der gebürtige Schweizer Burkhard Pohl, hat das Fossil von einem Sammler erworben. Das Senckenberg-Museum, dem es zuvor angeboten worden war, vermochte die geforderte Summe nicht aufzubringen. Über deren Höhe wird zwar Stillschweigen bewahrt. Aber es gibt einen Anhaltspunkt: Das Paläontologische Museum München hat 1999 ein weniger spektakuläres Exemplar für zwei Millionen Mark erworben.

          Hervorragend erhaltenes Exemplar

          Das Thermopolis-Exemplar ist hervorragend erhalten. Das gilt nicht zuletzt für den Schädel, und gerade weil dieser noch so viele Details erkennen läßt, mußte der Urvogel gewissermaßen ein wenig Federn lassen. Denn wie Mayr und die anderen Forscher herausgefunden haben, weist ein Teil des Gaumenknochens, das Palatinum, vier Fortsätze auf. Das ist ein Merkmal von Reptilien. Vögel haben normalerweise nur drei dieser knöchernen Fortsätze. Der entsprechende Teil des Gaumens ist nur bei einem einzigen anderen Archaeopteryx erhalten, dem sogenannten Münchener Exemplar. Dieser Urvogel der Art Archaeopteryx bavarica ähnelt dem neuen Fund stark. Bei ihm finden sich zwar nur drei Fortsätze, wie sich das für einen Vogel ziemt, aber möglicherweise ist ein vierter vorhanden gewesen und später abgebrochen.

          Als wenig vogelartig haben sich auch die Füße des neuen Fossils entpuppt. Für heutige Vögel ist eine dauerhaft nach hinten gedrehte Hinterzehe charakteristisch, und nur die afrikanischen Mausvögel können diese auch mal nach vorne bewegen. Beim neuen Archaeopteryx-Exemplar indessen sind die Hinterzehen nicht nach hinten gerichtet, sondern zur Seite, ähnlich dem Daumen einer Hand. Das dürfte es den Tieren erschwert haben, sicheren Halt auf Ästen und Zweigen zu finden. Mayr schließt daraus, daß sich diese Urvögel wahrscheinlich nur vorübergehend auf Bäumen aufgehalten haben.

          Ausgesprochen reptilienhaft ist die - mit einer kräftigen Kralle bewehrte - zweite Zehe des Urvogels. Aus der Gelenkfläche läßt sich ableiten, daß sie weit nach oben überdehnt werden konnte, wie man das von Deinonychosauriern her kennt. Allerdings ist die Kralle im Verhältnis nicht so groß wie bei den meisten dieser räuberisch lebenden Saurier. Archaeopteryx war eben doch schon ein Vogel.

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