https://www.faz.net/-gwz-8549z

Paläontologie : Der stachelige Urahn der Insekten

  • -Aktualisiert am

Der stachelige Urahn der Insekten: Das Urtierchen Hallucigenia sparsa (hier als Versteinerung) war 15 Millimeter lang. Bild: Martin R. Smith

Hallucigenia sparsa war höchstens 15 Millimeter lang und der Urahn der Insekten. Doch wie sah das Lebewesen aus? Der Versuch einer Rekonstruktion.

          2 Min.

          Mitunter lässt sich nur schwer rekonstruieren, wie ein Tier ausgesehen haben könnte, das vor mehr als 400 Millionen Jahren ausgestorben ist. Das zeigt das Beispiel von Hallucigenia sparsa, einem bizarren, daumengroßen Urahn der Insekten aus dem Kambrium, dessen mögliches Erscheinungsbild in der Vergangenheit mehrfach überarbeitet werden musste. Obwohl sich die Wissenschaftler seit Jahrzehnten Gedanken über die Gestalt von Hallucigenia machen, haben sie erst jetzt begriffen, an welchem Ende des wurmartigen Körpers der Kopf lag und an welchem Ende der Darmausgang. Die neuen Erkenntnisse wurden durch Verbesserungen in der Elektronenmikroskopie möglich und stützen sich auf die Neubewertung von Dutzenden von Fossilien.

          Das Urtierchen Hallucigenia sparsa hier als Rekonstruktion
          Das Urtierchen Hallucigenia sparsa hier als Rekonstruktion : Bild: Danielle Dufault

          Vor vierzig Jahren waren Bauch- und Rückenseite vertauscht worden. Das im Wasser lebende Tierchen hatte sieben Paare von je zwei spitzen Stacheln auf dem Rücken. Diese hielt man zunächst für Beine, die eigentlichen Beine wurden als Fangarme betrachtet. Jetzt hat sich herausgestellt, dass der vermeintliche Kopf das eigentliche Hinterteil ist. Die ballonartige Verdickung, die bei einem gut erhaltenen Fossil zu sehen ist und die man bisher für den Kopf gehalten hatte, offenbarte sich im Elektronenmikroskop als Darminhalt, der vermutlich nach dem Tod ausgetreten war.

          Bedrohlicher Körper, friedliches Antlitz

          Martin Smith von der University of Cambridge und Jean-Bernard Caron vom Royal Ontario Museum in Toronto, die die Neubewertung der Fossilien vorgenommen haben, konnten beim Blick durch das Elektronenmikroskop nun auch die Details des Kopfes erkennen. Dieser war schmal und lang, hatte einen dünnen Hals und einen Kranz spitzer Zähne, Verdickungen am Maul sowie spitze Zahnreihen im Rachen. Das Urtierchen wies zudem zwei einfach gestaltete Augen auf. Es besaß somit keine komplexen Facettenaugen wie die heutigen Insekten, schreiben Smith und Caron in der  Zeitschrift „Nature“. Mit diesen Augen konnte Hallucigenia vermutlich nur hell und dunkel unterscheiden. Die Stacheln auf dem Rücken dienten wahrscheinlich zur Verteidigung. Die beiden Wissenschaftler nehmen an, dass die Beine zu schwach zum Laufen waren und eher zum Festhalten benutzt wurden. Nahrung saugten die Tiere vermutlich an. Die Zähne im Rachen könnten dafür gesorgt haben, dass das Futter nicht wieder aus dem Maul herausgespült wurde.

          In der Evolution steht Hallucigenia sparsa an der Basis der Häutungstiere, die sich in regelmäßigen Abständen ihrer äußeren Hülle entledigen. Zu diesem Überstamm gehören so unterschiedliche Tiere wie Gliederfüßer, Fadenwürmer oder Stummelfüßer. Einige Eigenschaften am Kopf von Hallucigenia untermauern nun die Zuordnung dieser unterschiedlichen Arten in den Überstamm der Häutungstiere. Das macht die neuen Erkenntnisse auch für die Entwicklungsgeschichte der Insekten interessant.

          Weitere Themen

          Im sozialen Strudel von Sars-Cov-2

          Shitstorms für Genpioniere : Im sozialen Strudel von Sars-Cov-2

          Der Ursprung bleibt unklar, die genetischen Tricks des Virus ein Rätsel. Zwei Genpioniere, die auch im hohen Alter nach Antworten darauf suchten, fanden sich plötzlich in Deutungskämpfen verwickelt, die in den sozialen Netzwerken toben.

          Gelungene Mars-Landung Video-Seite öffnen

          Chinesischer Rover : Gelungene Mars-Landung

          Der chinesische Rover „Zhurong“ ist Staatsmedien zufolge erfolgreich auf dem Mars gelandet. Ziel der Mission ist es, Daten zu Wasservorkommen im Untergrund zu sammeln und nach Hinweisen auf Leben zu fahnden.

          Zeit für Zeitkristalle

          Frank Wilczek zum Siebzigsten : Zeit für Zeitkristalle

          Er hat erklärt, warum Quarks niemals isoliert auftreten können und was es mit Zeitkristallen auf sich hat. Der Physik-Nobelpreisträger Frank Wilczek, der sich noch immer nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen mag, feiert an diesem Samstag seinen siebzigsten Geburtstag.

          Topmeldungen

          Israel unter Beschuss

          Israel unter Beschuss : Ein normaler Albtraum

          Der abscheuliche Terror, dem Israel ausgeliefert ist, hat tiefe Wurzeln, die nicht allein mit Gewalt und Einschüchterung zu beseitigen sind. Wann sind wir bereit, uns unsere Fehler einzugestehen? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.