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Paläontologie : Das Rätsel der toten Urfische

  • -Aktualisiert am

Ichthyosauriermuttertier (delphinähnlicher Fischsaurier) mit vier Embryonen. Bild: Urweltmuseum Hauff in Holzmaden

Der versteinerte Mageninhalt eines Fischsaurier erzählt viel über dessen Speiseplan. So zeigt ein fossiler Speiballen die Reste eines verschlungenen Urfisches. Wer aber war der Räuber?

          Fisch gilt als bekömmlich. Ein noch unbekanntes Raubtier, das vor 180 Millionen Jahren lebte, würde dieser Einschätzung wohl nicht folgen. Ihm ist eine üppige Fischmahlzeit offenbar schlecht bekommen. Jedenfalls hat es den Mageninhalt größtenteils wieder ausgewürgt - zur Freude von Paläontologen, die in einem baden-württembergischen Steinbruch nahe Holzmaden die fossilen Überreste der schwer verdaulichen Kost geborgen haben. Denn wie so viele andere Funde aus dem sogenannten Posidonienschiefer, die Einblicke in die Lebenswelt des damaligen Jurameeres geben, hat auch dieser die Jahrmillionen überraschend gut überstanden.

          Aufschlussreiches Gewölle

          Dass unverdauliche Nahrungsbestandteile ausgewürgt werden, kennt man vor allem von etlichen Vogelarten, insbesondere Eulen und Greifvögeln. Die Gewölle, auch als Speiballen bezeichnet, ermöglichen Rückschlüsse auf die jeweilige Spezies. Detlev Thies von der Universität Hannover und Rolf Bernhard Hauff vom Urweltmuseum in Holzmaden haben sich daher dem fossilen Speiballen in der Hoffnung zugewandt, dessen Urheber ebenfalls ermitteln zu können. Mit knapp 30 Zentimetern Länge und bis zu 16 Zentimeter Durchmesser bietet der Fund reichlich Anschauungsmaterial. Es ist der vierte und zugleich besterhaltene Speiballen aus dem Posidonienschiefer, wenn auch nicht der größte. So hat man schon vor Jahrzehnten ein Gewölle entdeckt, das aus dem zermalmten Skelett eines 1,6 Meter langen Fischsauriers besteht.

          Speiballen: Deutlich zu erkennen sind die Reste von Fischen.

          Unbekannter Räuber von stattlicher Größe

          Der jetzt untersuchte Speiballen zeugt ebenfalls von großem Appetit seines Urhebers. Thies und Hauff konnten die mehr oder weniger zerstückelten Überreste von gleich fünf Knochenfischen identifizieren. Es handelt sich um Vertreter der Gattungen Dapedium und Lepidotes (“Neues Jahrbuch für Geologie und Paläontologie“, Bd. 267, S. 117). Welches Tier den Speiballen produziert hat, bleibt allerdings unklar. Auf der Liste der Kandidaten stehen zum Beispiel haiähnliche Knorpelfische sowie Fischsaurier und andere Meeresreptilien. Nach Überzeugung der beiden Forscher kommt wegen der Größe des Speiballens nur ein stattlicher Räuber in Frage, etwa Temnodontosaurus, ein im Posidonienschiefer vorkommender, mehrere Meter langer Fischsaurier. Aber auch für dessen Magen waren die Knochenfische mit ihrem Schuppenpanzer offenbar eine zu schwere Kost.

          Und noch  ein fossiler Happen

          Eindeutig nicht um einen Speiballen handelt es sich bei einem weiteren rätselhaften Fund, der im Urweltmuseum in einer aktuellen Ausstellung gezeigt wird. Es ist das übel zugerichtete Skelett eines drei Meter langen Fischsauriers aus demselben Steinbruch bei Holzmaden. Größtenteils wurde es in ungezählte Knochensplitter zermalmt, nur der Schwanz blieb weitgehend unversehrt. Für Hauff deutet vieles darauf hin, dass der Saurier verschlungen wurde. Unverdauliches wurde anschließend nicht ausgewürgt, sondern wohl ausgeschieden. Jedenfalls hat man Verdauungsspuren an Wirbelknochen und Kotreste gefunden. Hauff zerbricht sich den Kopf darüber, welches Raubtier diese stattliche Beute bezwungen und verzehrt haben könnte. Es muss jedenfalls riesig gewesen sein. Sogar für einen der bis zu 20 Meter langen Fischsaurier, die einst in dem Meer gelebt haben, dürfte ein derartiger Happen schwer zu bewältigen gewesen sein. Der Täter ist also noch nicht dingfest gemacht.

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