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Osterinseln : Straßen des Größenwahns

Boten einer fremden Welt Bild: F.A.Z.-Freddy Langer

Woran ging die Kultur der Osterinsel zugrunde? Neue Forschungen stützen die Vermutung, daß ein friedlicher Wettbewerb die Bewohner in die ökologische Katastrophe trieb.

          4 Min.

          Jacob Roggeveen verstand das alles nicht. Es war der Ostersonntag des Jahres 1722, da ankerte der holländische Kapitän vor einem der christlichen Seefahrt bis dahin unbekannten Vulkaninselchen im südlichen Pazifik.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Eiland, etwa dreimal kleiner als Ibiza, war übersät mit Hunderten von steinernen Statuen, bis zu zehn Meter hohen Großkunstwerken, die den Vergleich mit den schönsten Werken der Maya oder der Ägypter nicht zu scheuen brauchten. Doch das Volk, das Roggeveen hier antraf, sah so gar nicht nach einer Hochkultur aus. „Ihre Boote haben Lecks und sind aus schmalen Holzscheiten zusammengebunden“, notierte der Kapitän. Vor allem aber: Wie konnten sie die tonnenschweren Kolosse transportiert haben, so ganz ohne Seile und Balken? Bäume, die dergleichen hätten liefern können, gab es hier keine. Auf der Osterinsel wuchs nur Gras.

          Im Mittelalter dicht bewaldet

          Dieses alte Rätsel der Osterinsel, das Generationen von Forschern und Autoren bis hin zu Erich von Däniken beschäftigt hat, ist seit gut zwanzig Jahren gelöst. 1984 veröffentlichte der britische Geograph John Flenley zusammen mit der Botanikerin Sarah King Untersuchungen an Pollen und Samen, die sich in Sedimenten erhalten hatten. „Rapa Nui“ („großes Paddel“), wie die Polynesier die Insel nennen, die sie etwa um das Jahr 400 besiedelten, war demnach noch im Mittelalter dicht bewaldet gewesen.

          Bild: F.A.Z.

          Vom 14. bis ins 17. Jahrhundert, der Zeit, aus der die Steinköpfe stammen, muß es noch Bestände einer riesenhaften Verwandten der Chilenischen Weinpalme (Jubaea chilensis) gegeben haben. Deren Stämme dürften sich gut zum Transport der „Moai“ (Polynesisch für „Statuen“) geeignet haben, auch wenn noch nicht ganz klar ist, wie der Transport genau vor sich ging.

          32 Straßenkilometer nachweisbar

          Dafür ist jetzt die Frage der Transportwege weitgehend geklärt: In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Antiquity veröffentlichen die beiden Südsee-Archäologen Carl Lipo von der California State University in Long Beach und Terry Hunt von der University of Hawaii die bisher genaueste Karte des alten Straßensystems. Dazu kombinierten sie Satellitenaufnahmen mit Untersuchungen am Boden. 32 Straßenkilometer können sie sicher nachweisen, vermutlich waren es ursprünglich mehr als doppelt soviel.

          Ein Zusammenhang mit den Statuen steht für Lipo und Hunt außer Frage. „Die Pfade verbinden keine Wohngebiete“, schreiben sie. „Vielmehr wurden sie offenbar vorrangig für den Transport der Statuen angelegt.“ Denn vier der sechs Hauptstraßen laufen sternförmig auf den Vulkankrater von Rano Raraku zu, wo 96 Prozent der 702 untersuchten Moai aus dem dort anstehenden Lapilli-Tuffstein gemeißelt wurden.

          Immer größere Dimensionen

          Dieser Befund hat Bedeutung für die Frage, was denn die Osterinsulaner als einziges unter den polynesischen Völkern zu ihrem megalithischen Treiben bewogen haben mag - und warum die Statuen mit der Zeit immer größere Dimensionen annahmen, zuweilen gar durch „Pukao“, Kopfbedeckungen aus roter Vulkanschlacke, noch erhöht wurden. „Die Straßenführung legt nahe, daß jede Region ihren eigenen Transportweg nach Rano Raraku besaß“, schreiben Lipo und Hunt. „Dies spricht dagegen, daß Herstellung und Transport von einer zentralen Autorität organisiert wurden.“

          Daß die Bevölkerung der Osterinseln einst in mehrere regionale Gruppen zerfiel, schloß bereits die britische Ethnographin Katherine Routledge, die sich von 1914 bis 1915 siebzehn Monate lang auf der Osterinsel aufhielt. Auf der Basis ausführlicher Gespräche mit Einheimischen zeichnete sie sogar eine Karte, auf der die Insel in elf Territorien unterteilt ist.

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