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Ornithologie : Die Vögel in Nachbars Garten

  • -Aktualisiert am

Flatterhaft ist nicht nur die Meise. Das macht die Vogelbeobachtung so vertrackt. Bild: Getty

Bis zum 18. Januar ist jeder angehalten, an der „Stunde der Wintervögel“ teilzunehmen. Doch auch ein versierter Beobachter hat damit Probleme.

          Obwohl ich in den achtziger Jahren ein entschiedener Gegner der Volkszählung war, nehme ich regelmäßig und durchaus begeistert an der Vogelzählung teil. Aber ich muss zugeben, ich habe auch regelmäßig betrogen. Es ist nämlich häufig vorgekommen, dass ich in unserem Garten überhaupt keinen Vogel zu sehen bekam. Entweder wegen der Großbaustelle auf dem Nachbargrundstück oder weil unser Vogelhäuschen kurz vor Weihnachten zusammengestürzt war, weil die Nachbarn die Vögel mit Tonnen von Leckereien bestechen und weil hier sowieso zu viele Katzen herumlaufen. Es wäre wirklich an der Zeit, Katzenbesitzer mit Kampfhundehaltern gleichzustellen und einen psychologischen Eignungstest von ihnen zu verlangen.

          Aus den genannten Gründen kann es jedenfalls ziemlich frustrierend sein, eine Stunde lang in meinen saunahandtuchgroßen Garten zu starren, der außerdem noch sehr ungünstig rund um die Doppelhaushälfte angeordnet ist. Um jeden Winkel ununterbrochen im Blick zu haben, müssten vier Familienmitglieder mithelfen, und ich bezweifle, dass ich die Kinder wirklich bewegen kann, ihre wichtigen Studien zu unterbrechen und von Berlin in den Taunus zu fahren, um den Vater bei seinem Langzeitprojekt zu unterstützen. Außerdem haben sich die Kinder immer geweigert, auch nur eine Art richtig zu benennen. Noch als Achtzehnjährige wollte meine Tochter wissen, was das denn für ein großer bunter Vogel auf der Mauer sei, und ich teilte ihr mühsam beherrscht mit, dass es sich, wie in all den Jahren davor, um einen Eichelhäher handele. Der Sohn kann Dompfaff und Rotkehlchen nicht auseinanderhalten, stattdessen kennt er die Namen aller Nebenfiguren in „Breaking Bad“.

          Was tun, wenn der eigene Garten nichts hergibt?

          Die Bedingungen für einen passionierten Birdwatcher sind in direkter Umgebung meines Hauses wirklich suboptimal. Daher beschränke ich mich nicht auf die eine doch ziemlich willkürliche Stunde der Wintervögel, sondern nehme so etwas wie den aktuellen Wochendurchschnitt und die Gärten von Frau Pohlmann, Frau Gehring, Dr. Hering und den Brakelmeiers dazu. Da kommt dann doch ganz ordentlich was zusammen. 6 Amseln, 5 Kohlmeisen, 21 Feldsperlinge, 3 Buchfinken, 2 Rotkehlchen, 1 Hausrotschwanz, 5 Elstern, 12 Saatkrähen, 4 Ringeltauben, 2 Mäusebussarde und 1 Grünspecht habe ich im vergangenen Jahr gezählt.

          Den Spatz kennt jeder. Aber auch den Unterschied zwischen Haus- und Feldsperling?

          Ich fürchte, ich mache keinen vertrauenserweckenden Eindruck, wenn ich mit meinem Fernglas gut sichtbar am Fenster stehe und in andere Gärten spähe. Andererseits will ich mich auch nicht hinter der Gardine verstecken, schließlich tue ich nur meine ornithologische Pflicht. Ich könnte noch problemlos einen Waldkauz melden, dazu müsste ich nur fünf Minuten mit dem Fahrrad fahren, dann würde ich ihn auf dem Schornstein des Forsthauses sitzen sehen. Er hockt da seit Jahrzehnten, es muss einer der ältesten Käuze des Landes sein, oder der Schornsteinsitzplatz wird in seiner Familie weitervererbt, das Verhalten von Eulen gibt Wissenschaftlern noch viele Rätsel auf. Ich habe den Waldkauz aber noch nie mitgezählt, weil Beobachtungen im Wald nicht gelten. Ich denke mir auch nicht einfach 3 Wintergoldhähnchen und 2 Mittelspechte aus, denn das würde die Ergebnisse verfälschen. Ich könnte aber einen turkmenischen Uhu aufschreiben, und es wäre nicht mal gelogen. Davon lebt genau ein Exemplar mitten in unserer Stadt. Man kann ihn in der Dunkelheit einigermaßen zuverlässig in einem Laden für Computerspiele am Bahnhof beobachten, während man vergeblich auf den Nachtbus wartet.

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