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Ölpest im Modell : Ein öliger Schleier zieht Richtung Europa

  • -Aktualisiert am

Simulation der möglichen Ausbreitung eines virtuellen Farbstoffs, der zwanzig Meter unter dem Meeeresspiegel an der Stelle des Bohrlochs austritt. Die unten gezeigte Farbskala zeigt von links nach rechts zunehmende Dichte des Farbstoffs an. Bild: NCAR

Auf einem Supercomputer in Los Alamos haben Wissenschaftler Szenarien für die Ausbreitung des Öls durchgerechnet, das seit dem 20. April aus dem Bohrloch im Golf von Mexiko austritt. Aber viele Parameter sind nicht genau bekannt.

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          Wie weit kann sich das Rohöl, das seit dem 20. April aus dem havarierten Bohrloch im Golf von Mexiko strömt, ausbreiten? Kann es über den Golfstrom auch Europa erreichen? Das jedenfalls scheint nach Modellrechnungen verschiedener amerikanischer Forschungsinstitute und des Geomar in Kiel unwahrscheinlich. Wohl aber könnte ein Teil des Öls eine Reihe von Stränden und Marschgebieten an der Ostküste Amerikas heimsuchen.

          Den Modellen zufolge wäre der Küstenbereich zwischen Key West in Florida und Kap Hatteras in North Carolina betroffen. Allerdings könnte man der Ausbreitung des Öls bis in den Atlantik hinein auch eine positive Seite abgewinnen. Wenn nämlich das Öl in den größeren Wassermengen des Ozeans verdünnt würde, könnte es dort leichter von Bakterien abgebaut werden.

          Adaptiertes Modell

          Die jetzt vorgestellten Rechnungen beruhen auf einem Ozeanmodell, das am amerikanischen Nationalen Zentrum für Atmosphärenforschung (NCAR) in Boulder (Colorado) für andere Zwecke entwickelt worden ist. Dieses Modell gilt als „hochauflösend“, weil es den Ozean in kleine Quadrate von jeweils zehn mal zehn Kilometer Seitenlänge unterteilt. Andere Modelle haben ein viel gröberes Raster und liefern demnach deutlich ungenauere Ergebnisse.

          Gegenwärtig befindet sich das meiste aus der Macondo-Bohrung sechzig Kilometer vor der Küste Louisianas ausgetretene Öl in einem Bereich des Golfs von Mexiko, in dem das Wasser recht träge ist. Die leichten Strömungen haben das Öl im Wesentlichen nach Osten und Südosten getragen. Ein Teil hat allerdings einige Küstenabschnitte in Louisiana und Alabama erreicht.

          Berechnungen für sechs Szenarien

          Ein anderer – kleiner – Teil des Öls ist in den sogenannten Loop-Strom gelangt, eine Meeresströmung, die zwischen Yucatán und Kuba zunächst nach Norden und dann in einer großen Schleife durch die Meeresstraße von Florida nach Osten in die Karibik fließt. Dort besteht eine Verbindung zum Golfstrom, der warmes Karibikwasser entlang der amerikanischen Ostküste und anschließend quer über den Atlantischen Ozean nach Europa transportiert. Im Golf von Mexiko noch träge strömend, fließt das Wasser im Loop-Strom mit einer Geschwindigkeit von etwa sechzig Kilometern pro Tag. Im Golfstrom wird es täglich sogar 150 Kilometer weit transportiert.

          Für ihre Untersuchung haben die Wissenschaftler ihr Modell auf einen Supercomputer am Nationallabor in Los Alamos geladen, der dann in sechs verschiedenen Szenarien berechnet hat, wie das Öl seinen Weg finden könnte. Sobald das Öl in dem Modell den Loop-Strom erreichte, breitete es sich zügig bis zur Golfküste Floridas aus und gelangte von dort aus in die Karibik. Dabei strömte es durch die kleinen, im Wesentlichen aus Korallenriffen bestehenden Inseln der Florida Keys. Innerhalb weniger Tage ist es von dort in den Golfstrom gelangt, und entlang der Ostküste ist es dann rasch in den zentralen Teil des Nordatlantiks getragen worden, wo es allmählich verwirbelte.

          Viele unbekannte Parameter

          Obwohl diese Modellrechnungen die Strömungsverhältnisse im Golf von Mexiko und im Ostatlantik eindrucksvoll beschreiben, spiegeln sie nicht unbedingt die tatsächliche Ausbreitung des Öls – unter anderem, weil jetzt, sechs Wochen nach der Havarie der Bohrinsel „Deepwater Horizon“, immer noch niemand weiß, wie viel Öl tatsächlich aus dem Bohrloch geströmt ist. Die Schätzungen schwanken zwischen 5000 und 50 000 Fass pro Tag. Auch ist nicht bekannt, wie groß der Anteil von Erdgas in der austretenden Menge ist. Hinzu kommt, dass die Modelle lediglich die Verhältnisse in den obersten Schichten des Meerwassers beschreiben. Das Öl tritt aber in mehr als 1500 Meter Wassertiefe aus.

          Es ist bisher weitgehend unbekannt, wie sich das Gemisch aus Rohöl und Erdgas in der Wassersäule verhält und inwieweit es von Tiefenströmungen im Golf von Mexiko transportiert wird. Schließlich wird in den Modellrechnungen nicht berücksichtigt, dass ein großer Teil des Öls in den warmen Gewässern des Golfs von Mexiko und der Karibik verdunstet und dort von natürlich im Meerwasser vorkommenden Bakterien zersetzt wird.

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