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Nutztierhaltung : Brauchen wir einen neuen Betreuungsschlüssel?

  • -Aktualisiert am

Sind große Bestände schlicht nicht mehr zu managen? Bild:

Eine Fernsehreportage zeigte, dass Arbeiter in großen Mastställen oft überfordert sind - und Nutztieren Leid zufügen. Die Forschung hat diese Interaktion bisher vernachlässigt. Ist die Tierzahl pro Betreuungsperson vielleicht generell zu hoch?

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          Ein gutes Jahr nach dem Erscheinen von Jonathan Safran Foers Erfolgsbuch „Tiere essen“ auf Deutsch ist die öffentliche Debatte über die Haltung landwirtschaftlicher Nutztiere bei den Menschen angelangt, die mit großen Herden arbeiten. Es geht jetzt um Fängerkolonnen und Impftrupps, um Sachkundenachweise und Arbeitsbedingungen. Anlass ist die ARD-Reportage „Das System Wiesenhof“, die zeigte, wie Arbeiter auf Geflügelmastbetrieben Hühner und Puten traten, durch den Stall schleuderten und brutal in Kisten stopften. Gefilmt wurden sogenannte Fängerkolonnen: Hilfskräfte, die angeworben werden, um die Vögel aus den Mastställen herauszufangen, wenn der Transport zum Schlachthof ansteht.

          „Ein Randbereich der Forschung“

          In der vergangenen Woche haben sich verschiedene Fachverbände in die Debatte eingeschaltet. Eine zentrale Schwierigkeit sei es, dass Fängerkolonnen keine Sachkunde nachweisen müssten, bezogen die Bundestierärztekammer und der Bundesverband der beamteten Tierärzte Stellung. Bisher waren meist andere Faktoren beachtet worden, wenn es um tierschutzwidrige Bedingungen in der Nutztierhaltung ging: Stallarchitektur, Futter, Einstreu etwa und vor allem: die Besatzdichte. „Die Interaktion zwischen Arbeitern und Tieren ist ein Randbereich der Forschung“, sagt der Agrarwissenschaftler Wilfried Hartmann vom Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft. „Sie wird eher indirekt erfasst.“

          Studien über den Gesundheitszustand von Beständen stellen beispielsweise häufig einen Bezug zur Herdengröße her, die unter Umständen auf die Intensität der Betreuung schließen lässt. Bisher existieren vor allem Daten über Milchkühe, die kaum Vergleiche mit anderen Tierarten zulassen. Manche dieser Studien bescheinigen größeren Beständen zunächst sogar ein besseres allgemeines Gesundheitsniveau als kleinen. Allerdings scheint es Grenzen zu geben, von mehreren hundert Kühen an tauchen dann in Proben wieder mehr Krankheitserreger auf.

          Je größer der Bestand, desto kränker die Tiere?

          Eine dänische Studie aus dem Jahr 2009 kam außerdem zu dem Ergebnis, dass je größer der Milchviehbestand ist, umso mehr Kühe eingeschläfert werden müssen oder von selbst verenden - ein Hinweis darauf, dass schwerste Erkrankungen oder Verletzungen in großen Herden häufiger sind oder länger übersehen werden. Ebenfalls 2009 veröffentlichte die norwegische Veterinärmedizinerin Stine Gulliksen im „Journal of Dairy Science“ eine Untersuchung über die Sterblichkeit von Kälbern, für die sie die Daten von fast 300 000 Tieren heranzog. In allen Altersgruppen der Kälber war die Sterblichkeit höher, je mehr Kühe auf dem Betrieb lebten. Ein Beleg dafür, dass Tiergruppen ab einer bestimmten Größe nicht mehr effektiv zu verwalten sind, ist das noch nicht, denn auch andere Kriterien, etwa ein Regime, das es erlaubt, alle Tiere gleichzeitig auszustallen und den Stall zu desinfizieren, spielen eine Rolle.

          Selbst die Gegner von „Massentierhaltung“ ziehen inzwischen andere Argumente als die absolute Herdengröße heran. Wichtig sei stattdessen der Betreuungsschlüssel, sagt Reinhild Benning, die beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland ein Projekt gegen die Auswüchse industrieller Tierhaltung leitet. In konventionellen Betrieben kommen etwa 2000 Schweine oder 25 000 Bodenhaltungs-Legehennen auf eine Arbeitskraft - zu viele Tiere, egal, wie viel Sachkunde ein Arbeiter besitzt, sagen Kritiker.

          Stundenlange Arbeit in der Nacht

          Die Fängerkolonnen in der Geflügelhaltung seien dabei ein besonderes Problem, sagt Wilfried Hartmann. „Auf einen Schlag werden mehrere tausend Tiere ausgestallt, was stundenlang in der Nacht erfolgt und schlecht bezahlt wird.“ In einer solchen Nacht fange ein Arbeiter Geflügel im Umfang von mehreren Tonnen, fügt Jörg Hartung hinzu, der Leiter des Instituts für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Hartung hat die Vorteile von sogenannten Broiler-Harvestern untersucht, automatischen Hähnchenfangmaschinen, die mit einem Sammelkopf die Tiere auf ein Förderband bugsieren. „Die Anzahl von Flügel- und Beinbrüchen war deutlich geringer als beim Handfang“, bilanziert Hartung.

          Im vergangenen Jahr hat Hartung eine der bisher meistbeachteten Studien über Geflügelhaltung veröffentlicht. Mit Versuchshühnern stellte er typische, in Europa zulässige Mastbedingungen nach. Unabhängig von der Besatzdichte litten nahezu alle Tiere unter schweren Ballenentzündungen, ein Zustand, der sich verschärfte, wenn die Einstreu dauerhaft feucht war, also durch ein Managementproblem. Der Tiermediziner wollte mit der Studie Klarheit in einem alten Streit schaffen: Ist für das Wohlbefinden der Tiere die Besatzdichte oder eher das Management entscheidend? „Unter Management versteht man etwa die Betreuung, die Lüftung und die Futter- und Wasserversorgung der Tiere“, erklärt Hartung. Sein Fazit ist: „Tiergerechte Haltungsbedingungen hängen nicht nur von der Größe eines Stalls und der Tierdichte ab, sondern vor allem auch von der Betreuung und Überwachung. Je höher die Besatzdichte, desto schwieriger wird allerdings das Management.“

          „Das Auge des Herrn macht das Vieh fett“

          Es gibt inzwischen Überwachungssysteme, die dazu beitragen, dass einzelne Tiere nicht in der Masse untergehen - bei Rindern etwa Pedometer, die das Bewegungsmuster erfassen, bei Schweinen automatische Waagen, die Gewichtsveränderungen registrieren. In der Geflügelhaltung experimentiert man mit Videoüberwachung. Das alles helfe allerdings nur, wenn sich das Personal auch mit seiner Arbeit identifiziere, sagt Jörg Hartung. „Es gilt das alte Sprichwort: Das Auge des Herrn macht das Vieh fett. Und das bedeutet nichts anderes, als dass jemand sich mit seinen Tieren beschäftigt.“

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