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Neue Primatenart : Entdeckt für den Kochtopf?

  • -Aktualisiert am

Microcebus gerpi Bild: TiHo Hannover

Kaum entdeckt, muss der kleine Primat Gerp’s Mausmaki schon als bedroht gelten: Viele Madagassen verzehren geschützte Arten, zeigt eine aktuelle Studie.

          2 Min.

          Hamstergroß, mausgrau, nur in der Nacht aktiv und knapp siebzig Gramm schwer: Microcebus gerpi führte bisher ein unauffälliges, sogar noch namenloses Dasein im Tieflandregenwald Ostmadagaskars. Wenn Menschen ihn zu Gesicht bekamen, dann hielten sie ihn vermutlich für einen der altbekannten Mausmakis - oder aber es war ihnen schlicht egal, ob Bücher und Fachpublikationen das kleine Tier schon beschrieben hatten, denn sie wollten ihn als Fleischeinlage fürs Mittagessen.

          Doch vor zwei Jahren reiste ein Team der madagassischen Forschungsvereinigung Gerp (Groupe d'Étude et de Recherche sur les Primates de Madagascar) gezielt in das Sahafina-Waldgebiet im Osten Madagaskars, fing ein paar Exemplare, vermaß und fotografierte sie und nahm Gewebebiopsien aus den Ohren der Tiere. Das Material wurde nach Hannover geschickt, an das Institut für Zoologie der Tierärztlichen Hochschule, wo die Biologin Ute Radespiel das Erbmaterial aus den Ohrgewebszellen extrahierte, drei verschiedene Gene sequenzierte und den genetischen Code mit dem der achtzehn bis dahin bekannten Mausmakiarten verglich. "Das Muster aus den Vermessungsdaten und den genetischen Daten belegt, dass es eindeutig eine eigene Art ist", sagt Radespiel, die den Fund von Microcebus gerpi (Gerp's Mausmaki) gemeinsam mit den madagassischen Kollegen im Fachmagazin "Primates" veröffentlicht hat (doi: 10.1007/s10329- 011-0290-2).

          Die Höhenlage trennt Arten

          "Die Mausmakis und die Wieselmakis sind die artenreichsten der fünfzehn Lemuren-Gattungen auf Madagaskar", sagt Radespiel. Auf den ersten Blick könne man nur wenige dieser Arten voneinander unterscheiden, denn Mausmakis gehörten zu den sogenannten kryptischen Arten. Im Fall von Microcebus gerpi hätte es aber schon früher auffallen können, dass man hier eine eigene Art vor sich hat, denn die nächste lebt fünfzig Kilometer entfernt in tausend Metern Höhe, während die "Gerp's" sich in dreihundert Metern Höhe wohlfühlen. "Häufig ist ein größerer Fluss in der Nähe und trennt zwei Arten", sagt Radespiel. "Jetzt konnte zum ersten Mal gezeigt werden, dass auch die Höhe eine Art begrenzen kann." Die fünfzig Kilometer entfernte Art, der im Schnitt zwanzig Gramm leichtere Goodman's Mausmaki, ist nicht einmal der nächste Verwandte, fand Radespiel anhand einer computergestützen Stammbaumanalyse heraus. Am engsten verwandt ist die Neuentdeckung mit Microcebus jolly, einer Art, die 250 Kilometer entfernt im Süden lebt.

          Für Ute Radespiel und Elke Zimmermann, die das Institut in Hannover leitet, ist Gerp's Mausmaki die sechste Mausmakiart seit 1998, die sie neu entdecken und wissenschaftlich beschreiben konnten. Die Arbeitsgruppe forscht seit Mitte der neunziger Jahre auf Madagaskar. Dort sind die Forscher auch immer wieder mit den Schwierigkeiten des Artenschutzes konfrontiert. Wie viele Exemplare von Gerp's Mausmaki es gibt, ist unklar. "Ein paar tausend", schätzt Ute Radespiel. "Fast alle Lemuren werden von der madagassischen Bevölkerung auch verzehrt, obwohl die Jagd illegal ist", sagt die Biologin. "Um die katzengroßen Wieselmakis zu jagen, geht man gezielt in den Wald. Die kleinen Mausmakis werden typischerweise mitgenommen, wenn ein anderer Anlass die Leute in den Wald führt und sie zufällig auf ein solches Tier stoßen."

          Auch Rabenpapageien werden gegessen

          Gerade erst hat ein internationales Wissenschaftlerteam um Richard Jenkins von der britischen Bangor University im Fachmagazin "PLoS One" eine Studie veröffentlicht, für die fast 1200 Haushalte im Osten Madagaskars nach dem Konsum von "Bushmeat" befragt wurden. Zwar sind typische Alltagsmahlzeiten in der Gegend offenbar rein pflanzlich. 95 Prozent der Befragten gaben aber an, in ihrem Leben schon eine geschützte Tierart gegessen zu haben; 45 Prozent hatten gar schon zehn oder mehr geschützte Arten verzehrt. Vor allem die arme Landbevölkerung greift auf diese Proteinquelle zurück. Neben Tenreks, Rabenpapageien oder dem Schopfibis werden viele Lemuren gegessen, darunter Mausmakis, aber auch die größeren Diademsifakas und Braunen Makis. Mit Sorge beobachten die Wissenschaftler, dass die Tabus bröckeln, mit denen die Jagd auf bestimmte Spezies, etwa große tagaktive Lemuren, und auf trächtige Tiere bisher belegt war.

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