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Neophyten : Der leer gefressene Wald

  • -Aktualisiert am

Schlange an Bord? Militärflugzeug beim Anflug auf Guam Bild: picture-alliance / dpa/AFP

Sie kam mit amerikanischen Mitlitärmaschinen. Sie fraß sich satt an der heimischen Fauna. Und sie leidet nun an Hormonschwund. Wie eine Schlange auf Guam gehaust hat - und nun darben muß.

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          Weltabgeschieden ist Guam, die Hauptinsel der Marianen, schon lange nicht mehr. Seit Ende des 19.Jahrhunderts dient sie den Vereinigten Staaten von Amerika als militärischer Stützpunkt. Den entsprechend regen Flugverkehr nutzte die früher nur in den Regenwäldern Nordaustraliens und der angrenzenden Inselwelt heimische Braune Nachtbaumnatter (Boiga irregularis) dazu, als blinder Passagier einzureisen.

          Das dürfte während des Zweiten Weltkriegs oder bald danach geschehen sein. Mittlerweile gilt diese Schlange als Paradebeispiel dafür, wie eingeschleppte Freßfeinde die einheimische Tierwelt zugrunde richten können. Doch anscheinend ist die Braune Nachtbaumnatter auf Guam nun ein Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Dafür sprechen Untersuchungen, die Wissenschaftler um Ignacio Moore von der Virginia Polytechnic University and State University in Blacksburg und Michael Greene von der University of Colorado in Denver vorgenommen haben.

          Eine merkwürdige Stille in den Wäldern

          In ihrer ursprünglichen Heimat fiel die Schlange nie sonderlich auf, sie war bloß eine von vielen, die im Geäst der Bäume ebenso behende umherkriechen wie auf dem Waldboden. Da Braune Nachtbaumnattern nur im Schutz der Dunkelheit umherstreifen, konnten sie sich in ihrer neuen Heimat zunächst unbemerkt vermehren und allmählich über die gesamte Insel ausbreiten. Dabei entwickelten die zahlreichen Nachkommen einen solchen Appetit, daß es bald merkwürdig still wurde in den Wäldern von Guam.

          Die Vögel wurden auch dort rapide dezimiert, wo ihr Lebensraum leidlich intakt schien. Eine gründliche Zählung mit Hilfe von Ködern und Fallen entlarvte die Schlangen als Übeltäter. Mitte der achtziger Jahre tummelten sich auf einer Fläche nicht größer als ein Fußballfeld mitunter mehr als hundert Exemplare.

          Nun darben die Schlangen

          Die Schlange mußte ihren Speiseplan erweitern. Nach den Vögeln des Waldes dezimierte sie auch Mäuse und Fledermäuse, Geckos und Eidechsen. Bisweilen attackierte sie sogar schlafende Säuglinge und verletzte sie an Händen und Füßen. Mitte der neunziger Jahre war die Braune Nachtbaumnatter auf Guam schon nicht mehr ganz so zahlreich. Daß die Schlangen inzwischen darben, spiegelt sich auch in ihrem Hormonhaushalt.

          Frei umherstreifende Tiere sind nicht nur vergleichsweise klein und mager, sondern sie haben auch auffallend wenig Geschlechtshormone im Blut (“Biological Conservation“, Bd.121, S.91). Sei es Testosteron bei den Männchen oder Östradiol bei den Weibchen - die Konzentrationen bleiben das ganze Jahr über niedrig. Fast immer sind sie geringer als bei Schlangen, die gut genährt im Käfig gehalten werden. Zugleich liegt die Konzentration des „Stresshormons“ Corticosteron bei den freilebenden Tieren oft um ein Mehrfaches höher. Kein Wunder daher, daß in den Eierstöcken der meisten Schlangenweibchen keine Eier mehr heranreifen.

          Angst vor der Ausbreitung der Schlange

          Für die einheimische Fauna kam die Wende freilich zu spät. Die Vögel des Waldes sind praktisch ausgerottet und die alteingesessenen Säugetiere und Reptilien derart rar, daß ihr Schicksal ebenfalls besiegelt zu sein scheint. Anderenorts steht dagegen noch viel auf dem Spiel.

          Auf Hawaii zum Beispiel ist die Braune Nachtbaumnatter bereits aufgetaucht. Daß sich das Drama von Guam dort wiederholt, hoffen die Wissenschaftler aber noch verhindern zu können. Zum einen gilt es, die Kontrollen auf Flughäfen so zu verschärfen, daß den berüchtigten Schlangen der Zutritt zum Frachtraum verwehrt bleibt. Zum anderen versucht man, spezielle Köder zu entwickeln, um die Tiere an der Vermehrung zu hindern, noch ehe sie Schaden anrichten können.

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