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Nebel : Fünfzig Schwaden Grau

  • -Aktualisiert am

Advektionsnebel ist der Traum des Berg- und der Albtraum des Talbewohners: Oben wird es warm und sonnig, unten feucht und kalt. Meteorologen sprechen deshalb auch von Inversionsnebel. Hier thront die Burg Hohenzollern über dem schwäbischen Nebelmeer. Bild: dpa

Die schlechte Nachricht lautet: Jetzt kommt die trübe Jahreszeit. Und die gute? Nebel wird immer seltener.

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          Die Dreharbeiten zu „Macbeth“ waren eine Tortur. Marion Cotillard wäre beinahe in einem Sumpf versunken, Regen in Sturmstärke prasselte auf die Darsteller ein, und mehrere von ihnen zogen sich Unterkühlungen zu. Zugleich drückten Nebelschwaden aufs Gemüt. In den Drehpausen trotzten Schauspieler und Crew dem Schietwetter wie die Pinguine dem antarktischen Winter: dichtgedrängt, mit rotierenden Positionen.

          Die Qualen haben sich gelohnt: So schaurig-schön hat man „Macbeth“ noch nie gesehen. Der neue Film des Regisseurs Justin Kurzel, der seit dieser Woche im Kino läuft, ist eine bildmächtige Inszenierung schottischer Grausamkeiten, wie sie sich nur Shakespeare ausdenken konnte. Das ist aber nicht nur das Verdienst von Regie und Schauspielern, sondern auch der wilden Natur des Drehorts sowie einiger Tüftler aus Glasgow.

          Denn der Nebel spielt in dieser Verfilmung die heimliche Hauptrolle. Er kriecht und wabert, er frisst und schluckt, er täuscht, droht und verwandelt. Ohne das trübe Grau wäre Macbeth nur halb so düster, halb so aufregend. Kurzel drehte deshalb auf der Isle of Skye, von der die Schotten sagen, sie sei die nebligste Insel von allen. Das natürliche Angebot an grauen Schwaden war dem Filmemacher allerdings nicht genug. Eine Firma aus Glasgow ließ zusätzlich Kunstnebel über die Hügel wehen und räucherte schließlich die halbe Insel ein. Das Ergebnis war dichter kalter Scottish mist.

          Wer den Nebel verstehen will, muss Tröpfchen sammeln

          „Schön ist wüst, und wüst ist schön. Wirbelt durch Nebel und Wolkenhöhn!“, rufen die Hexen im ersten Akt von Shakespeares Drama. Nebel als etwas, das auf die Stimmung drückt - an diesem Bild hat sich bis heute nichts geändert. Der November gehört nicht gerade zu den Lieblingsmonaten der Deutschen. Die trübe Suppe macht viele müde und manche krank. Jeder zehnte Deutsche spürt den Winterblues, zwei bis drei Prozent der Bevölkerung leiden sogar an einer veritablen Winterdepression.

          Auch für Meteorologen ist der Nebel häufig ein Ärgernis, weil er sich genauso geheimnisvoll verhält, wie er aussieht. Wann er entsteht und wann er sich wieder auflöst, können Wetterexperten nur sehr schwer vorhersagen.

          Auch Otto Klemm brauchte einige Zeit, um sich mit dem Nebel anzufreunden. Der Klimatologe von der Universität Münster ist einer der angesehensten Nebelexperten weltweit. Als er in den achtziger Jahren in Bayreuth studierte, versuchte ihn ein Dozent zu überzeugen, sich mit Nebel zu befassen. Anfangs vergeblich. Doch nach ein paar Monaten folgte er dem Rat. Er sammelte Tröpfchen und bestimmte deren Verteilung, Größe und chemische Zusammensetzung. Noch heute lässt sich nicht behaupten, dass Klemm gerne im Trüben forscht. „Es gibt schönere Dinge als Nebel“, sagt er. Aber faszinierend findet er die wabernden Schwaden schon.

          Weltweit auf dem Rückzug

          Rund dreihundert Wissenschaftler weltweit untersuchen ebenfalls den Nebel, schätzt Klemm. Verglichen mit anderen meteorologischen Forschungsthemen, sind das nicht viele. Alle drei Jahre kommen sie zusammen. Die erste Nebelkonferenz fand 1998 in Vancouver statt. Vor fünf Jahren organisierte Klemm ein Symposion in Münster.

          Wenn die Tage kürzer werden, dann wird es vor allem am Bodensee und an der Donau trüb. Die Karte zeigt die Häufigkeit von Strahlungsnebel in Mittelwerten von 1989 bis 1999.

          Bei diesen Treffen dämmerte den Forschern allmählich, dass mit dem Nebel etwas nicht stimmt. Ihnen fiel auf, dass er in immer mehr Regionen auf der Erde auf dem Rückzug ist. Ausgerechnet das Wetter, das Landschaften verschwinden lässt, soll also selbst verschwinden? Für Europa sind sich die Forscher mittlerweile sicher, dass diese Beobachtung stimmt. „Der Nebel tritt seltener auf, und er ist auch weniger dicht“, sagt Otto Klemm. Der Deutsche Wetterdienst in Offenbach bestätigt diesen Trend.

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