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Tschernobyl 25 Jahre danach : Blühende Landschaften, strahlende Wiesel

  • -Aktualisiert am

Ein Wolf in der 30-Kilometer-Sperrzone rund um den zerstörten Atomreaktor von Tschernobyl. Bild: REUTERS

Ein Vierteljahrhundert lang blieb die Gegend um Tschernobyl sich selbst überlassen. Entstand in dieser Zeit ein Ökoparadies? Oder eine Zombie-Zone?

          Seit Anfang dieses Jahres existiert in der Ukraine eine neue Touristenattraktion: Die evakuierte 30-Kilometer-Zone um den Reaktor von Tschernobyl wurde offiziell für den Fremdenverkehr geöffnet. Besucher können jetzt jene Birken besichtigen, die inzwischen durch das Dach der Sporthalle in Pripjat und überall sonst gewachsen sind. Und eine vom Menschen zwangsweise in Ruhe gelassene Natur mit Wolf, Bär, Bison und blühenden Wiesen.

          Ist rund um Tschernobyl inzwischen ein Naturparadies entstanden? Oder eher eine von Mutationen, Missbildungen und Tod geprägte Zombie-Zone? Über diese Frage hat sich in den vergangenen Jahren ein Forscherstreit entwickelt, der seinesgleichen sucht.

          Dass dieser Streit nicht längst anhand eindeutiger Daten und Analysen entschieden ist, hat noch nicht einmal etwas mit der besonderen Situation dort zu tun. Ökosystemforschung, ob im Regenwald oder in der verstrahlten Ebene im nördlichen Kiewer Oblast, ist so ziemlich das Komplexeste, woran sich Biologen versuchen. Erst recht, wenn auch noch Strahlenökologie hinzukommt. Strahlungsdosis sowie biologische und genetische Veränderungen in freier Natur exakt zu messen ist extrem schwierig. Ökologen besitzen auch nicht selten starke Überzeugungen, die einen Einfluss auf die Interpretation von Daten haben können. In und um Tschernobyl jedenfalls kommen Biologen, die mehr oder weniger dasselbe untersuchen, zu komplett unterschiedlichen Ergebnissen.

          Kontroversen um die kausalen Zusammenhänge

          Eine Gruppe um Anders Møller von der Université Paris-Sud und Tim Mousseau von der University of South Carolina in Columbia veröffentlicht seit Jahren Studie auf Studie. Praktisch jede kommt zu dem Resultat, dass die ionisierende Strahlung bis heute weitreichende Negativeffekte hat. Schon 1997 meldeten Møller und der Genetiker Hans Ellegren, dass bestimmte Genabschnitte von Rauchschwalben, die gerne direkt am Sarkophag von Reaktor 4 brüten, doppelt bis zehnfach erhöhte Mutationsraten aufwiesen. Auch ein teilweiser Albinismus am Kopf trete bei 15 Prozent der Tiere auf, verglichen mit nur einem Prozent bei Populationen ohne erhöhte Strahlenlast. 2006 fassten Møller und Mousseau 33 Studien zusammen und fanden, dass 25 davon erhöhte Mutationsraten dokumentierten. Mitte vergangenen Jahres folgte die Auswertung eines ökologischen Monitorings zwischen 2006 und 2009. Ergebnis: In besonders belasteten Arealen sei die Biodiversität gesunken, die Häufigkeit von Insekten, Spinnen, Vögeln und Säugetieren sei dort kleiner als in weniger oder gar nicht belasteten Vergleichsgebieten. Bei Schwalben habe man zudem zahlreiche Missbildungen gefunden, angefangen von fehlgeformten Füßen über ungleich lange Schwanzfedern bis hin zu Tumoren am Kopf.

          Erst vor wenigen Wochen erschien im Open-Source-Journal PLOS-One die bislang letzte Studie von Møller und Mousseau. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Gehirne von Vögeln in der Region strahlungsbedingt durchschnittlich um fünf Prozent kleiner sind als bei Vergleichstieren. Es wäre ein Hinweis darauf, dass radioaktive Strahlung sogar die Entwicklung des Nervensystems beeinträchtigen kann.

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