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Musikalische Tierwelt : Der Pirol hat mir ein Lied erzählt

  • -Aktualisiert am

Bild: Julie Sodré

Der Komponist Olivier Messiaen hat die menschliche Faszination für den Gesang der Vögel auf die Spitze getrieben: Er konnte 700 verschiedene Arten nach Gehör unterscheiden und versuchte, die Lieder der Vögel in seinen Kompositionen zu imitieren. Mit sechs Audios von Vogelstimmen.

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          Zu den wenigen Dingen, die sich wohl niemals ändern werden, gehört der Dialog zwischen Mäusebussard und Amsel. Hört man den Raubvogel im Stadtpark schreien, kann man ganz fest mit einer bestimmten Reaktion der potentiellen Beute rechnen: Auf seinen katzenartigen „hiää“–Schrei reagiert eine Amsel mit einem scharf-hohen „ssieh“-Ruf, der bei zwei benachbarten Amseln in dicht gereihte „tak-tak“–Laute übergeht. Dabei bleibt die Erregung der Amseln abhängig von der Anwesenheit des Bussards, und ihre Rufe werden auch beim nächsten Feind, der – wie der Bussard – aus der Luft kommt, sehr ähnlich klingen. Das hat einen einfachen Grund: Der Warnruf der Amseln ist angeboren, und Bussarde als Nicht-Singvögel haben ein sehr begrenztes Repertoire von Lauten zur Verfügung. Neue Töne wird man in dieser speziellen Anordnung also nicht vernehmen können.

          Die Vögel als musikalisches Vorbild

          Das steht auf den ersten Blick im krassen Widerspruch zur Behauptung des Komponisten und hochbegabten Hobby-Ornithologen Olivier Messiaen (1908 bis 1992), nach der Vögel nicht nur die größten Musiker unseres Planeten sind, sondern auch Komponisten und damit schaffende Künstler.

          Doch Messiaen, der am kommenden Mittwoch 100 Jahre alt geworden wäre, ist keineswegs der Erste, der den Vögeln einen bedeutenden Platz in der menschlichen Kunst einräumt und sie als unsere Vorbilder oder sogar Lehrer bezeichnet. Der griechische Philosoph Demokrit glaubte, wir hätten das Singen dem Schwan und der Nachtigall abgelauscht, moderne Komponisten wie Heinz Tiessen haben mit Entschiedenheit das Kompositionstalent von Singvögeln hervorgehoben. Und Messiaens Zeitgenosse Gottfried Benn behauptete gar, dass es Schwalben waren, die ihm den Rhythmus und die Themen seiner Lyrik vorgesungen hätten.

          Messiaen konnte 700 Arten unterscheiden

          Doch Messiaen beließ es nicht bei solchen, eher vom Zufall diktierten Beobachtungen. Planvoll zeichnete er Vogelstimmen auf und notierte dabei akribisch den Ort, an dem sich ein bestimmter Vogel hören ließ. Dafür hatte er sich schon früh die notwendigen Voraussetzungen angeeignet und begann bereits als Fünfzehnjähriger mit systematischen feldornithologischen Studien.

          Am Ende konnte er gut 700 Arten an der Stimme unterscheiden und hatte von seinen Reisen Notationen von Vogelgesängen aus der ganzen Welt zusammengetragen.

          Vogelgesang dem menschlichen Herzen angepasst

          Dabei verzichtete er, auch als es technisch möglich geworden war, bewusst auf Hilfsmittel wie Tonbandgeräte und Sonographen als Aufzeichnungsinstrumente. Die Verlangsamung, die die Übertragung von Vogelgesängen in Noten zwangsläufig mit sich bringt (siehe: „Ihr singt einfach zu schnell!“), gehörte für Messiaen zum Programm. Denn die für menschliche Instrumente wie Klavier oder Geige nicht nachvollziehbaren Originaltempi der Vögel sind eine Folge unter anderem des wesentlich schnelleren Herzschlags dieser Tiere.

          Wenn man so will, hat Messiaen mit seiner spezifischen Umwandlung der Gesänge in Noten jene unserem eigenen Herzschlag angepasst. Und nur über Notenanpassung konnte der Gesang zu einer, wie er es nannte, „zu uns sprechenden Gebärde“ werden, zu einer Musik, die wie „ein Vogel ohne Schlaf ist“.

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