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Muschel-Leukämie : Ansteckende Krebszellen im Meer

  • -Aktualisiert am

Sandklaffmuscheln Bild: Michael J. Metzger

Die „Muschel-Leukämie“ an der amerikanischen Ostküste gibt Rätsel auf: Ansteckenden Krebs gibt es im Tierreich nur selten. Werden die Tumore wirklich über das Meerwasser übertragen?

          2 Min.

          Der Rückgang der Sandklaffmuscheln (Mya arenaria) an der amerikanischen Ostküste geht auf eine ansteckende Krebserkrankung zurück. Die Bestände schrumpfen seit vier Jahrzehnten. Lange Zeit wurde eine Virusinfektion als Ursache in Betracht gezogen. Stephen Goff von der Columbia-Universität in New York und seine Kollegen zeigen in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Cell“, dass das Muschelsterben offenbar durch infektiöse Krebszellen ausgelöst wird (Bd. 161, S. 1). Die Krebszellen werden vermutlich beim Filtrieren des Meerwassers aufgenommen und vermehren sich im offenen Blutgefäßsystem der Sandklaffmuscheln. Dort erzeugen sie eine Art Leukämie.

          Goff und seinen Kollegen war aufgefallen, dass die Krebszellen immer das gleiche Erbgut besitzen, unabhängig davon, woher die kranken Muscheln stammen, ob von den Küsten vor New York, aus Maine oder aus Prince Edward Island, der kleinsten Provinz Kanadas. Das Erbgut der Krebszellen entsprach nie dem Erbgut der kranken Muscheln. Die Leukämiezellen müssen also von einer einzigen leukämiekranken Sandklaffmuschel abstammen und sind dann an andere Artgenossen weitergegeben worden. Wie die Krebszellen ins Meerwasser gelangen, etwa beim Muschelsterben oder beim Laichen, ist noch unklar.

          Ansteckende Krebserkrankungen

          Normalerweise entsteht Krebs durch Mutationen im Erbgut eines Individuums. Die Zellen halten sich nicht mehr an das einmal verabredete Programm und entarten. Deshalb weisen Krebszellen immer das gleiche Erbgut wie das kranke Individuum auf, auch wenn der Tumor durch Viren verursacht wird. Bei der Muschel-Leukämie ist das nicht der Fall. Deshalb müssen die Krebszellen aus der Umgebung aufgenommen worden sein. Bisher sind nur zwei infektiöse Krebserkrankungen bei Tieren bekannt. In beiden Fällen werden die ansteckenden Krebszellen durch engen Kontakt übertragen und vom Immunsystem nicht abgewehrt. Bei Hunden kann nach der Paarung ein Genitaltumor durch infektiöse Krebszellen entstehen, das sogenannte Sticker-Sarkom. Tasmanische Teufel können über einen Biss infektiöse Krebszellen aufnehmen und einen Gesichtstumor entwickeln. Die Leukämie bei den Sandklaffmuscheln ist das dritte Beispiel für eine ansteckende Krebserkrankung im Tierreich und das erste aus einer marinen Umgebung.

          Ob die Krebszellen auch auf andere Meerestiere übertragen werden und diese Tiere dann erkranken, ist noch unklar. Die Wissenschaftler um Goff wissen auch noch nicht, wie ansteckend die Tumorzellen aus dem Meerwasser sind und wie schnell und in welcher Menge sie eine Leukämie bei den Sandklaffmuscheln verursachen. Sie können auch nichts dazu sagen, wie alt diese Erkrankung ist.

          Die Krebszellen, die das Sticker-Sarkom hervorrufen, sind vor zehn- bis dreizehntausend Jahren entstanden, die Krebszellen, die den Gesichtstumor bei den Tasmanischen Teufeln verursachen, sind vor zwanzig bis dreißig Jahren erstmals aufgetaucht. Goff und seine Kollegen glauben, dass es noch weit mehr infektiöse Krebserkrankungen in der Natur gibt als die bisher drei dokumentierten Formen. Sie rechnen mit weiteren Entdeckungen in naher Zukunft.

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