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Müllkippe Ozean : Inventur des schwimmenden Plastikmülls

  • Aktualisiert am

Eine Katze hockt am 13.04.2010 auf dem vor allem mit Plastikflaschen verschmutzten Atlantikstrand von Ngor, Dakar, Senegal. Bild: dpa

Forscher haben untersucht, wie viel Plastik in den Meeren herumschwimmt. Sie kamen auf eine unglaubliche Menge.

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          Die Zahl ist alarmierend: Mehr als fünf Billionen Plastikteile treiben schätzungsweise in den Weltmeeren.Das ist eine Zahl mit 12 Nullen. Sie bringen es auf ein Gesamtgewicht von fast 269 000 Tonnen, was dem 37fachen Gewicht des Eiffelturms entspricht. Mit der Menge ließen sich rund 3900 Bahn-Güterwaggons füllen, die aneinandergereiht eine Strecke von fast 50 Kilometern ergäben. Der Großteil des Mülls besteht aus Krümeln und befindet sich in großen subtropischen Meereswirbeln. Das berichtet eine internationale Forschergruppe um den amerikanischen Umweltschützer Marcus Eriksen vom Five Gyres Institute in Los Angeles in der Zeitschrift „PLos One“.

          Dass die Ozeane mit großen Mengen Plastikmüll verschmutzt sind, ist schon länger bekannt. Eine genaue Abschätzung, welche Menge an Plastik in den Meeren schwimmt,  ist jedoch schwierig.´Eriksen und seine Kollegen haben für ihre Berechnung nun Daten aus 24 Studien  mit mehr als 1500 einzelnen Sammlungen und Beobachtungen zusammengetragen.

          Die Untersuchungen umfassen nicht nur alle fünf subtropischen Meereswirbel - kreisförmige Strömungen, an denen sich besonders viel Müll sammelt - sondern auch belebte Küstengebiete vor Australien, den Golf von Bengalen und das Mittelmeer. Zudem decke die vorliegenden Studie erstmals auch größere Plastikteile mit mehr als fünf Millimeter Durchmesser ab, erklären die Forscher.

          Meeresstrudel wird zum Reißwolf

          Mit Hilfe der gesammelten Daten errechneten Eriksen und seine Kollegen die Verbreitung von Plastikmüll auf allen Weltmeeren. Nahe der Küsten sind große Stücke häufiger anzutreffen, beispielsweise Flaschen oder Styroporteile. In den Ozeanwirbeln werden diese großen Stücke dann zusehends zerkleinert. Die kleinsten Krümel finden sich in abgelegenen Gebieten nahe dem Nordpol. Das deute darauf hin, dass die Wirbel den Plastikmüll wie ein Reißwolf zerkleinern und dann wieder im Ozean verteilen.

          Ein Vergleich der Mengen an großem Plastikmüll und den daraus entstehenden Kleinteilchen ergab, dass ein großer Teil dieses sogenannten Mikroplastiks von der Meeresoberfläche verschwindet, berichten die Forscher. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Müllteppiche in den fünf subtropischen Meereswirbeln nicht die letzte Ruhestätte des umhertreibenden Plastikmülls sind“, sagt Eriksen in einer Mitteilung von „Plos One“. Die Krümel könnten zum Beispiel durch Absinken oder Zersetzung in tiefere Meeresregionen gelangen.

          In einer im April ebenfalls in der Fachzeitschrift „PLOS ONE“ veröffentlichten Studie, die den Müll auf dem Meeresgrund vor Europa untersuchte, fanden Forscher beispielsweise an allen untersuchten Stellen des Meeresbodens Abfälle - von den Küsten bis in die Tiefseegräben. „Der Endeffekt des Mikroplastiks ist sein Einwirken auf den gesamten Lebensraum Meer“, betont Eriksen.

          Flüsse und Seen ebenfalls belastet

          Laut einem Bericht des UN-Umweltprogramms Unep gelangen jedes Jahr rund 6,4 Millionen Tonnen Müll ins Meer. (Anmerkung der  Redaktion:  Im Vergleich zu diesem geschätzten Wert der UN wirken die oben genannten 270 000 Tonnen eher bescheiden. Und man fragt sich natürlich, wo der große Rest geblieben ist. Tatsächlich hat die Gruppe um Eriksen nur den Müll in Betracht gezogen, der auf dem Meer treibt.  Die Plastikteile, die an den Stränden herumliegen oder unter der Meeresoberfläche schwimmen und auf dem Meeresboden liegen wurden in die 270 000 Tonnen nicht mit eingerechnet. Auch sind viele Plastikteile von Vögeln oder Fischen aufgenommen worden.) Dieser Müll gefährdet die Umwelt in vielerlei Weise: Tiere - insbesondere Meeressäuger, Schildkröten und Vögel - können sterben, wenn sie den Müll fressen oder sich darin verfangen. Auch können giftige Substanzen angereichert oder die Ausbreitung invasiver Arten gefördert werden. Durch die Haltbarkeit von Plastik bleibt das Problem lange bestehen.

          Aber nicht nur im Meer, auch in den Binnengewässern wird der Plastikmüll und insbesondere die Mikroplastikteilchen zusehends zum Problem. Eine im März im Fachjournal „Environmental Pollution“ veröffentlichte Studie zeigte beispielsweise, dass in der Donau stellenweise mehr Plastikpartikel als Fischlarven treiben.

          Und auch am italienischen Gardasee liegen Plastikkrümel in manchen Uferbereichen so dicht wie an Meeresstränden, berichtete Christian Laforsch von der Universität Bayreuth im Oktober letzten Jahres in der Fachzeitschrift „Current Biology“. In Schnecken, Muscheln und anderen Tieren ließen sich Mikropartikel nachweisen. Es sei anzunehmen, dass Gewässer nahe von städtischen Zentren und Industriegebieten noch viel stärker belastet sind.

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