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Modelle: Berliner Ausstellung : Als die Welt noch kunstvoll simuliert wurde

  • -Aktualisiert am

Klatschmohn-Nachbildung aus dem 20. Jahrhundert. Bild: Carola Radke, MfN

Modellbau, ob in der Werkstatt oder am Computer, gehört zum wertvollen Handwerk von Forschern und Pädagogen. In Berlin wird die Geschichte der Modelle lebendig.

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          Wer in den Saal tritt, könnte beim ersten Anblick erschrecken: Ist dieses riesige rosa Ding vielleicht am Leben? Handelt es sich um eine gefährliche Mutation, die Besucher frisst? Der zweite Blick offenbart dann schnell, dass es sich um ein Exponat von hohem ästhetischen und wissenschaftlichen Wert handelt. Über ein Jahr lang hat die Modellbauerin Dagmar Borgwart daran gearbeitet, aus Kunststoff eine Magnolienblüte in vielfacher Überlebensgröße zu erschaffen. Der Besucher lernt - und staunt.

          „modellSCHAU“ - bis zum Februar 2016 in Dahlem zu sehen.

          Die Magnolie gehört zur Dauerausstellung des Botanischen Museums im Berliner Stadtteil Dahlem. Dieses Museum ist ein wunderbar analoger Ort. Wer etwas über Pflanzen erfahren oder gar lernen will, wird hier weder mit vertrockneten Herbarbelegen gelangweilt noch mit digitalem Bildschirm-Fast-Food abgefüttert.

          In einem so langwierigen wie fruchtbaren Prozess hat das Museum zwischen 1957 und 2002 eine weltweit bedeutsame Sammlung von Pflanzenmodellen aufgebaut, die durch naturwissenschaftliche Präzision und künstlerische Raffinesse bestechen und einen ähnlichen Stellenwert haben wie die „Glass Flowers“ im Botanischen Museum von Harvard. Über sechshundert Exponate - vom Zellmodell über Blütenstände bis zum Nachbau kompletter Landschaften - machen die Welt der Pflanzen und ihre Bedeutung für den Menschen in Dahlem anschaulich begreifbar, das Museum wurde als „begehbares Lehrbuch“ konzipiert.

          Zoologische Sprengsel: Entwicklungsmodell der Ohrenqualle.

          Bis Februar 2016 kommen nun zweihundert weitere Modelle hinzu. „Modellschau“ heißt die über das ganze Museum verteilte Sonderausstellung, mit der Kuratorin Kathrin Grotz Geschichte, Wesen und Zukunft von Modellen ausleuchten und deren bleibenden Wert für Bildung und Forschung herausarbeiten will. Das zeitliche Spektrum der Ausstellung reicht von dreitausend Jahre alten Weintrauben-Modellen aus Ägypten bis zu digitalen Baummodellen, die mit 3D-Brillen betrachtet werden können. Dazwischen tun sich wahre Wunderwelten des analogen Modellbaus auf.

          Vor allem die Exponate aus dem 19. Jahrhundert - lebensechte Pilze, Meeresorganismen aus Glas, Äpfel aus Porzellan, Bronzegüsse von Blüten, Wachsmodelle von Gehirnen - bestechen. „Modelle waren so etwas wie die Apps und bildgebenden Verfahren dieser Zeit“, sagt Grotz. Sie erlaubten es, sichtbar zu machen, was damals sonst den meisten Menschen verborgen bleiben musste. Und sie ordneten die Informationsströme der aufblühenden Naturwissenschaft in teil reduzierter, teils abstrahierter Form so, dass sie breiten Bevölkerungsschichten zugänglich wurden.

          Leitungen im Stängel: Sechs Modelle der Leitungsbahnen.

          Oftmals dienten die Modelle der reinen Betrachterfreude. So war es im 19. Jahrhundert in bürgerlichen Haushalten en vogue, Besuchern täuschend echte Naturmodelle zu präsentieren oder im Winter Obstimitate in Schalen auszulegen. „Nachdem sich die Aristokratie mit ihren Wunderkammern die Welt angeeignet hatte, wurde dieser Prozess mit Hilfe von Modellen für das breite Bürgertum demokratisiert“, sagt Grotz. Ein ganzer Wirtschaftszweig, konzentriert im Grenzland von Thüringen und Bayern, lebte einst vom Modellbau - die Ausstellung feiert die Expertise, Geduld und Naturliebe, die sich hier verkörpert, und ruft vergessene Wissenschaftskünstler in Erinnerung.

           Die Entwicklung des Kolbenwasserkäfers.

          Im Vordergrund der Modellnutzung stand stets die Didaktik an Schulen und Biologieinstituten: eine Ohrenqualle - mal ein zoologisches Sujet - aus der Werkstatt von Leopold und Rudolph Baschka verdeutlicht, um wie viel besser sich Anatomie an einem Glasobjekt verstehen lässt als am Sammlungsstück in Alkohol. Als dritten Anwendungsbereich von Modellen zeigt die Schau die Forschung selbst, erlauben sie es doch, Hypothesen anschaulich zu machen. Deshalb darf bei der „Modellschau“ auch das Erbmolekül DNA nicht fehlen. Ein Film erzählt davon, wie James Watson und Francis Crick, die beiden Entdecker der räumlichen Struktur der DNA, zuerst mit Papier und Schere hantierten, bevor sie zu Metallstäben und Klemmen griffen.

          Baumblüten

          Dass Modelle auch irreführend sein können, beleuchtet die Ausstellung gleich zum Auftakt. Anhand eines Dioramas, der dreidimensionalen Darstellung einer Landschaft von vor 400 Millionen Jahren, wird deutlich gemacht, dass

          es sich keineswegs um eine Rekonstruktion handelt, sondern um eine Fusion verschiedenster Vegetationstypen dieser Zeit. Dass die ersten Modelle den Raubsaurier Tyrannosaurus Rex fälschlicherweise in aufrechter statt horizontaler Haltung zeigten, schlägt sich bis heute in Spielzeug und Filmen nieder. Die Sonderausstellung verleiht der wissenschaftlichen Kunstform des Modells neue Aktualität und geht grundsätzlichen Fragen nach dem Verhältnis von Modell und Welt nach - in einer Zeit, in der milliardenschwere Investitionen auf Modellen und Simulationen beruhen und mancher bereits Computermodell und Wirklichkeit verwechselt, ist es ein großes Verdient, die historischen Wurzeln der Modellierung freizulegen.

          Kornkäfer bohrt in Getreidekorn.

          Als veraltet galten analoge Modelle bereits, und nicht wenige Schulen und Universitäten haben ganze Sammlungen entsorgt. Digitale Medien gelten als zeitgemäßer. Doch zugleich erleben wir eine Renaissance des Sinnlichen, des Anfassbaren, des Analogen. „Es ist noch nicht einmal klar, ob 3D-Druck so präzise sein kann wie die intensive Erarbeitung eines Modells mit Hilfe von Zeichnungen“, sagt Grotz. Die „Modellschau“ findet deshalb in einem hochaktuellen Spannungsfeld statt. Am Ende entlässt sie den Besucher in den weitläufigen Botanischen Garten - nur damit er sich dort in noch viel größeren Modellen wiederfindet. Als „Welt in einem Garten“ wurde er Anfang des 20. Jahrhunderts konzipiert, mit Alpenlandschaften, die sich an den natürlichen Vorbildern orientieren.

          Sonderausstellung „modellSCHAU“

          Die Sonderausstellung ist im Botanischen Museum Berlin-Dahlem zu sehen, Königin-Luise-Straße 6-8, 14195 Berlin, von 22. Mai 2015 - 28. Februar 2016 täglich 10-18 Uhr. Eintritt 2,50 Euro bzw 6 Euro (mit Garten). Mit Katalog.

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