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Milchproduzent Kuh : Darf's vielleicht noch etwas mehr sein?

  • -Aktualisiert am

Bei rund 6000 Litern im Jahr leistet sie wirtschaftlich Vertretbares: Eine deutsche Kuh Bild: dpa

Milch ist eigentlich eine knappe Ressource. Doch der Mensch hat es geschafft, die Kuh zu überlisten. Und sie in einen Bioreaktor verwandelt. Gesund ist das nicht. Eine Hochleistungskuh überlebt im Schnitt fünf Jahre.

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          Morgens um halb zehn haben sich auf dem Dottenfelder Hof die ersten Milchboykotteure versammelt. Stumm stehen sie hinter dem Stall und wedeln matt mit den Ohren. Sie wollen nur noch eines: in den Schatten. Martin von Mackensen hat Verständnis dafür: „Bei diesen Temperaturen bekommen sie ernste Probleme. Wir lassen sie gegen Mittag rein.“ Oberhalb von 25 Grad treten seine Kühe in den Weidestreik, selbst wenn draußen noch so viel frisches Grün winkt. Das Einzige, was sie dann noch interessiert, ist die automatische Bürstenanlage, vor der sie geduldig um eine Rückenmassage anstehen.

          Mackensens schwitzende Herde hat mit den aktuellen Sorgen der deutschen Milchbauern nicht viel zu tun. Die achtzig Kühe gehören zu einem anthroposophischen Vorzeigebetrieb in der Nähe von Frankfurt, der sich schon vor einem Vierteljahrhundert aus dem Wettbewerb um höhere Milchleistungen verabschiedet hat. Kein Soja wird hier verfüttert, kein Mais, keine Silage, keine Rückstände aus der Rapsölgewinnung, stattdessen Heu, Klee, Luzerne, etwas Hafer und im Winter zusätzlich Futterrüben.

          „Wiederkäuer“, sagt der Biolandwirt von Mackensen, „sind schließlich dazu da, das zu verwerten, was wir nicht verdauen können. Wir können sie doch nicht wie Schweine mästen.“ So kommt es, dass die Herde vom Dottenfelder Hof gerade mal die Hälfte dessen liefert, was in der Milchwirtschaft inzwischen als Standard gilt.

          Versorgung kaum beeinträchtigt : Lieferboykott der Milchbauern verfehlt Ziel

          Jährlich 28 Milliarden Liter

          Dass Milchvieh überhaupt noch auf der Weide steht, ist mittlerweile ein Anachronismus. Mit Gras allein sind die heutigen Quoten nicht mehr zu erzielen. Gab eine Kuh vor zweihundert Jahren bestenfalls knapp tausend Liter Milch jährlich, so gilt heute das Sechsfache als wirtschaftlich vertretbare Untergrenze. Vor allem die Rasse der Holsteiner Schwarzbunten ist derart streng auf Milchleistung selektioniert. Immer ausgeklügeltere Kraftfuttermittel kamen auf den Markt und haben aus dem einst genügsamen Wiederkäuer eine Art Bioreaktor gemacht. Zehn Millionen Kühe waren um 1930 herum noch notwendig, um den Milchbedarf des Deutschen Reichs zu decken. Nicht einmal die Hälfte stehen heute in deutschen Ställen und produzieren jährlich 28 Milliarden Liter. Freiwillig tun sie das nicht.

          Milch ist eigentlich eine knappe Ressource. Nur Säugetiere bringen sie hervor und von Natur aus auch nur für den eigenen Nachwuchs. Die Kuh macht da keine Ausnahme. Unmittelbar nach der Geburt schießt das Kolostrum in den Euter, eine besonders nahrhafte Vormilch, die das Kalb außerdem mit Antikörpern und Wachstumshormonen versorgt. Nach fünf Tagen setzt dann der normale Milchfluss ein, der nur so lange anhalten würde, bis das Kalb abgestillt ist. Das Euter der Kuh gäbe anschließend nichts mehr her, wenn der Mensch nicht das Melken erfunden hätte.

          Vorspiegelung falscher Tatsachen

          Wann das genau war, weiß man nicht, aber es kann noch nicht so lange her sein. Denn der größte Teil der Menschheit bekommt bis heute heftiges Darmgrimmen, wenn er Milch trinkt. Nur Säuglinge und Kinder bis zum fünften Lebensjahr können den darin enthaltenen Laktosezucker problemlos verwerten. Erwachsenen fehlt das verantwortliche Enzym, es sei denn, sie gehören zu den Nachkommen jener nordeuropäischen Steinzeitbauern, die eine entsprechende Genmutation erwarben. Immerhin achtzig Prozent aller Deutschen zählen zu diesen Privilegierten, aber gerade noch die Hälfte aller Spanier oder Griechen; asiatische und andere Völker meiden Kuhmilch nach Kräften.

          Weder Mensch noch Rind waren ursprünglich für eine permanente Milchwirtschaft geschaffen. Denn sie beruht auf der Vorspiegelung falscher Tatsachen: Einerseits muss die Laktation der Kuh so angekurbelt werden, als hätte sie ständig doppelten oder dreifachen Nachwuchs zu versorgen. Andererseits muss dieser Nachwuchs möglichst umgehend von der Mutter getrennt werden. Nur so lässt sich die Laktationsperiode auf dreihundert Tage im Jahr ausdehnen. Erst vier bis sechs Wochen vor der nächsten Geburt fällt eine Milchkuh vorübergehend trocken, bis der Zyklus von neuem beginnt. Nicht jedes Tier hält das durch - die durchschnittliche Lebensdauer einer Holsteiner Hochleistungskuh liegt heute bei fünf Jahren.

          Striktes Herdenmanagement

          DE 06 4254 ist da eine rare Ausnahme. Ihre Ohrmarke trägt sie seit 15 Jahren, so lange hat sie das Geschäft schon mitgemacht und in dieser Zeit 13 Kälber zur Welt gebracht. Auf dem Preiserlenhof bei Rinderbügen im hessischen Vogelsbergkreis ist Andrea Rahm-Farr für das Herdenmanagement zuständig. Die junge Landwirtin hat Nutztierwissenschaft in Gießen studiert und sieht die Sache pragmatisch. Solange ein Tier kalbt und nicht krank wird, wird es eben durchgefüttert, ansonsten ohne Umstände „gemerzt“. Unfruchtbarkeit, Klauenprobleme, Euterentzündungen oder Infektionen wie die augenblicklich grassierende Blauzungenkrankheit sind die häufigsten Ursachen für Abgänge; mit 25 Prozent pro Jahr ist die Rate auf dem Preiserlenhof nicht einmal besonders hoch.

          Will sie ihren Bestand von 250 Tieren erhalten, muss Andrea Rahm-Farr also dafür sorgen, dass kontinuierlich gemolken, überwacht, künstlich besamt, entbunden und Nachwuchs aufgezogen wird; Kälber und trächtige Kühe werden dabei zwischen dem eigenen Stall, dem ihrer Eltern in Kerbersdorf und dem der Schwiegereltern in Leisenwald hin und her transportiert. Mit einer Milchleistung von 9000 Litern pro Kuh und Jahr liegt der Familienbetrieb für hessische Verhältnisse im oberen Mittelbereich. Fünfzig Kilo Futter wandern dafür täglich in jeden Wiederkäuermagen, eine Mischration aus Gras- und Maissilage und Kraftbestandteilen wie Soja oder Weizen, deren Zusammensetzung inzwischen eine Wissenschaft für sich ist.

          Ein unverzichtbares Lebensmittel

          Schwiegervater Günter Farr staunt bis heute darüber, wie sich auf diese Weise immer noch mehr aus der Kuh herausholen lässt. Mit kleinbäuerlicher Wirtschaft, wie er sie Anfang der sechziger Jahre kennengelernt hat, hat das nichts mehr zu tun. Damals klapperte der Molkereiwagen noch mehr als siebzig „Kannennummern“ im Dorf ab, davon sind in der ganzen Umgebung gerade mal drei Erzeuger übriggeblieben. Auf dem Preiserlenhof fährt alle zwei Tage ein Tanklastwagen der Molkereigruppe Hochwald vor, und von da an verwandelt sich die Milch endgültig in einen Rohstoff, dessen Haltbarmachung und Verteilung eine gewaltige Logistik erfordert.

          Neun von zehn Deutschen halten Milch nach einer Emnid-Umfrage für ein unverzichtbares Lebensmittel. Dass sie jederzeit im Supermarkt verfügbar ist, gilt als Selbstverständlichkeit. Und dass sie weniger kosten darf als manches Mineralwasser. Das hat dazu geführt, dass der Weg von der Kuh zum Verbraucher immer länger geworden ist.

          Noch lange nicht ausgereizt

          Allein in der Hochwald-Molkerei im Industriegebiet der Stadt Hungen wird täglich die Milch von 17.000 Kühen verarbeitet. Rund um die Uhr rollt die flüssige Fracht aus ganz Hessen und dem angrenzenden Sauerland an. Sie verschwindet in turmhohen Edelstahltanks, wandert Hunderte von Metern durch Kühlschlangen und Zentrifugen, durch Gegenstromerhitzer und Homogenisatoren, bis am Ende der Abfüllstraße ein Produkt herauskommt, das den Anforderungen der großen Handelsketten wie Aldi, Lidl, Rewe oder Metro genügt. Pasteurisiert, standardisiert und homogenisiert, entrahmt oder als Sahne, in Tüten, Bechern oder in Pulverform - so verlässt die Milch die Hungener Molkerei wieder in alle Himmelsrichtungen, und kein Stallgeruch haftet ihr mehr an.

          „Morgen gehen wieder 500.000 Liter raus“, sagt der Molkereileiter August Janssen. „Ganz normal.“ Vom Boykott der protestierenden Bauern merkt er nichts. Auch Andrea Rahm-Farr wird sich nicht daran beteiligen. Im neuen Stall, der gerade im Rohbau fertig geworden ist, will sie demnächst einen Melkroboter einsetzen. „Mal sehen, was der dann bringt.“ Das System Milchkuh ist noch lange nicht ausgereizt.

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