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Milchproduzent Kuh : Darf's vielleicht noch etwas mehr sein?

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Striktes Herdenmanagement

DE 06 4254 ist da eine rare Ausnahme. Ihre Ohrmarke trägt sie seit 15 Jahren, so lange hat sie das Geschäft schon mitgemacht und in dieser Zeit 13 Kälber zur Welt gebracht. Auf dem Preiserlenhof bei Rinderbügen im hessischen Vogelsbergkreis ist Andrea Rahm-Farr für das Herdenmanagement zuständig. Die junge Landwirtin hat Nutztierwissenschaft in Gießen studiert und sieht die Sache pragmatisch. Solange ein Tier kalbt und nicht krank wird, wird es eben durchgefüttert, ansonsten ohne Umstände „gemerzt“. Unfruchtbarkeit, Klauenprobleme, Euterentzündungen oder Infektionen wie die augenblicklich grassierende Blauzungenkrankheit sind die häufigsten Ursachen für Abgänge; mit 25 Prozent pro Jahr ist die Rate auf dem Preiserlenhof nicht einmal besonders hoch.

Will sie ihren Bestand von 250 Tieren erhalten, muss Andrea Rahm-Farr also dafür sorgen, dass kontinuierlich gemolken, überwacht, künstlich besamt, entbunden und Nachwuchs aufgezogen wird; Kälber und trächtige Kühe werden dabei zwischen dem eigenen Stall, dem ihrer Eltern in Kerbersdorf und dem der Schwiegereltern in Leisenwald hin und her transportiert. Mit einer Milchleistung von 9000 Litern pro Kuh und Jahr liegt der Familienbetrieb für hessische Verhältnisse im oberen Mittelbereich. Fünfzig Kilo Futter wandern dafür täglich in jeden Wiederkäuermagen, eine Mischration aus Gras- und Maissilage und Kraftbestandteilen wie Soja oder Weizen, deren Zusammensetzung inzwischen eine Wissenschaft für sich ist.

Ein unverzichtbares Lebensmittel

Schwiegervater Günter Farr staunt bis heute darüber, wie sich auf diese Weise immer noch mehr aus der Kuh herausholen lässt. Mit kleinbäuerlicher Wirtschaft, wie er sie Anfang der sechziger Jahre kennengelernt hat, hat das nichts mehr zu tun. Damals klapperte der Molkereiwagen noch mehr als siebzig „Kannennummern“ im Dorf ab, davon sind in der ganzen Umgebung gerade mal drei Erzeuger übriggeblieben. Auf dem Preiserlenhof fährt alle zwei Tage ein Tanklastwagen der Molkereigruppe Hochwald vor, und von da an verwandelt sich die Milch endgültig in einen Rohstoff, dessen Haltbarmachung und Verteilung eine gewaltige Logistik erfordert.

Neun von zehn Deutschen halten Milch nach einer Emnid-Umfrage für ein unverzichtbares Lebensmittel. Dass sie jederzeit im Supermarkt verfügbar ist, gilt als Selbstverständlichkeit. Und dass sie weniger kosten darf als manches Mineralwasser. Das hat dazu geführt, dass der Weg von der Kuh zum Verbraucher immer länger geworden ist.

Noch lange nicht ausgereizt

Allein in der Hochwald-Molkerei im Industriegebiet der Stadt Hungen wird täglich die Milch von 17.000 Kühen verarbeitet. Rund um die Uhr rollt die flüssige Fracht aus ganz Hessen und dem angrenzenden Sauerland an. Sie verschwindet in turmhohen Edelstahltanks, wandert Hunderte von Metern durch Kühlschlangen und Zentrifugen, durch Gegenstromerhitzer und Homogenisatoren, bis am Ende der Abfüllstraße ein Produkt herauskommt, das den Anforderungen der großen Handelsketten wie Aldi, Lidl, Rewe oder Metro genügt. Pasteurisiert, standardisiert und homogenisiert, entrahmt oder als Sahne, in Tüten, Bechern oder in Pulverform - so verlässt die Milch die Hungener Molkerei wieder in alle Himmelsrichtungen, und kein Stallgeruch haftet ihr mehr an.

„Morgen gehen wieder 500.000 Liter raus“, sagt der Molkereileiter August Janssen. „Ganz normal.“ Vom Boykott der protestierenden Bauern merkt er nichts. Auch Andrea Rahm-Farr wird sich nicht daran beteiligen. Im neuen Stall, der gerade im Rohbau fertig geworden ist, will sie demnächst einen Melkroboter einsetzen. „Mal sehen, was der dann bringt.“ Das System Milchkuh ist noch lange nicht ausgereizt.

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