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Meteorologie : So wird man Wetterfrosch

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Jörg Kachelmann war der Erste, der das Wetter auch für Doofe erklären konnte. Bild: Isabel Klett

Nur die wenigsten Meteorologen beschäftigen sich überhaupt mit der Wettervorhersage. Die aber, die es tun, brauchen heutzutage Showqualitäten.

          Frank Böttcher weiß noch genau, wie er zum Wetter kam. Er war ein Kind, als an Silvester 1978 eine Schneekatastrophe über Norddeutschland hereinbrach. Züge blieben liegen, Autobahnen wurden gesperrt. Draußen stürmte und schneite es wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Drinnen sah Böttcher vom Fenster seines Elternhauses in Hamburg-Othmarschen, wie ein leibhaftiger Blizzard durch die Straße fegte. Großes Naturkino für einen Elfjährigen.

          „Der Schneesturm war mein persönliches Schlüsselerlebnis“, sagt er. Böttcher ist mittlerweile 47, aber wenn er auf das Jahrhundertereignis zu sprechen kommt, hört er sich an wie ein kleiner Junge, der mit leuchtenden Augen von meterhohen Schneewehen und astdicken Eiszapfen berichtet. Schwarze Locken, Nickelbrille, nordisch fröhlich, so sitzt er in einer Hotelbar in der Hamburger Hafencity mit freier Sicht auf die Elbe. Ungewöhnlich warm ist es für Anfang November. Das Thermometer zeigt 16 Grad. Winter? Der ist noch lange nicht in Sicht, sagt er und blickt hinaus auf den Fluss. Kein neuer Schneesturm vorerst also. Aber seine Begeisterung für das Wetter reicht an diesem Tag auch für eine tiefhängende Stratuswolke.

          Das Wetter da draußen ist seins, wie er sagt. Menschen wie Frank Böttcher reden über das Wetter wie über ein wildes Tier, das man einfangen und zähmen muss, um damit zu leben. Mit dem Wetter leben bedeutet: Wolkenarten analysieren, Regenmengen, Wind und Temperatur messen, Gewitter und Schneestürme toll finden, rausgehen, erleben. Und andere damit vollquatschen.

          Wettermänner aus der Kreidezeit

          Wer gut und gerne quatscht, eignet sich als Wetteransager. Der Begriff riecht ein wenig nach dem Mief der siebziger Jahre, und er erinnert an Uwe Wesp, den legendären Archetyp des Fernsehmeteorologen, der bei seinen Auftritten im ZDF immer Fliege trug und auf Wettersymbole zeigte, die anfangs noch mit Kreide auf Schultafeln gekritzelt wurden. Ein Wettermann aus der Kreidezeit, wie manche witzeln. Für Wesp selbst, der seit acht Jahren im Ruhestand ist, war der Wetterbericht kein Ort für Humor, jedenfalls nicht für freiwilligen. Einmal rutschte ihm heraus, am Sonntag werde es „im ganzen Deutschen Reich recht warm“. Ansonsten war meteorologische Prognose für ihn eine ernste, akademische Angelegenheit, die man vortrug wie die Verkehrsnachrichten.

          Der Behördenstil war lange Zeit Programm im deutschen Fernsehen. Diplom-Meteorologen in grauen Anzügen wechselten sich vor den Wetterkarten ab. In den neunziger Jahren dann tauchte plötzlich ein zotteliger Schweizer namens Jörg Kachelmann auf, den man vielleicht nicht mochte, aber doch verstand. Kachelmann hat zwar Meteorologie studiert, allerdings keinen Abschluss gemacht. Danach gefragt wurde er lange Zeit nicht. Denn auch ohne Diplom brachte er etwas herüber, was man so bisher nicht gesehen hatte: Begeisterung für das Fach und fachliche Übersetzungsarbeit. Wetter für alle.

          Ist ein Studium wirklich notwendig, wenn man Wettervorhersagen machen möchte? Ist eine akademische Ausbildung vielleicht sogar hinderlich?

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