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Menschenaffen : Mit der Atemmaske in den Dschungel

  • -Aktualisiert am

Milzbrand - neue, tödliche Gefahr für Gorillas und andere Menschenaffen Bild: WWF/dpa

Eine bisher unbekannte Gefahr lauert auf die in freier Wildbahn lebenden Menschenaffen: Milzbrand. Hat der Mensch den Anthrax-Erreger in den Urwald eingeschleppt?

          3 Min.

          Morgens werden die Stiefel erst einmal mit Bleichmittel desinfiziert. Sobald der erste Affe in Sicht kommt, herrscht Atemmasken-Pflicht. Die Regeln haben sich geändert für die Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, die im Tai- Nationalpark an der Elfenbeinküste Schimpansen beobachten.
          Einfach ist das nicht im schwülen Urwald. Aber sinnvoll. Die wenigen Menschenaffen, die noch in Freiheit leben - Schimpansen gibt es mittlerweile möglicherweise weniger als 100.000 -, sind nicht nur durch Verlust von Lebensraum und Wilderei bedroht. Mehr und mehr machen ihnen Infektionen zu schaffen, die möglicherweise auch von Menschen in die Wälder getragen werden.

          Die derzeit gefährlichste Infektionskrankheit für Schimpansen und Flachlandgorillas ist Ebola. Wie viele Tiere in den letzten Jahren in Zentralafrika der Seuche zum Opfer gefallen sind, ist schwer zu schätzen. In Kongo-Kinshasa sollen es während der Epidemie 2003 bis zu 89 Prozent der Schimpansen und die Hälfte aller Gorillas gewesen sein. An wahrscheinlich von Menschen eingeschleppten Lungeninfektionen und an Polio sind in Tansania schon in den sechziger Jahren Schimpansen gestorben. In Uganda und Ruanda haben Berggorillas mit Räude zu kämpfen, die von Haustieren übertragen wird.

          Die neue Gefahr: Milzbrand

          Die Krankheit, an der seit Oktober 2001 mindestens sechs Schimpansen an der Elfenbeinküste gestorben sind, hatte allerdings niemand dort erwartet: Milzbrand, inzwischen besser als Anthrax bekannt. Daß der Erreger überhaupt identifiziert werden konnte und die Feldforscher nicht, wie so oft in den letzten Jahren, "Todesursache unbekannt" in ihre Protokolle schreiben mußten, liegt vor allem daran, daß 2001 zum ersten Mal ein Tierarzt speziell zu diesem Zweck täglich mit in den Urwald ging.

          Christophe Boesch, der vor fast 25 Jahren an der Elfenbeinküste begonnen hatte, Schimpansen an sich und andere menschliche Begleiter zu gewöhnen (sie zu „habituieren“, wie Verhaltensforscher das nennen), traf Fabian Leendertz 1998 zum ersten Mal. Der wollte damals eine Veterinär-Doktorarbeit über wilde Schimpansen schreiben - und Boesch wollte wissen, woran seine Tiere sterben.

          Wie haben sich die Tiere angesteckt?

          Leendertz suchte sich Geldgeber und flog im März 2001 an die Elfenbeinküste. Als im Oktober desselben Jahres plötzlich vier Tiere starben, konnte er bei dreien Gewebeproben nehmen und in flüssigem Stickstoff einfrieren, ebenso von drei weiteren, die im Februar und Juni des nächsten Jahres verendeten. Niemand hatte vorher solchen Aufwand unter Busch-Bedingungen getrieben. Anthrax hatte allerdings auch Leendertz "erst mal gar nicht hinter den Todesfällen vermutet". Im Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) testete er zusammen mit Kollegen die Proben auf verschiedene Erreger. Ein besonders empfindlicher Test, anläßlich der Anthrax-Fälle 2001 von Heinz Ellerbrok am RKI entwickelt, konnte bei allen sechs Schimpansen dann passend zu den Symptomen tatsächlich Bacillus anthracis nachweisen. Die Ergebnisse hat Leendertz - zusammen mit Ellerbrok, Boesch und noch einigen anderen an dem Projekt beteiligten Forschern - jetzt in „Nature“ veröffentlicht.

          Wie sich die Tiere angesteckt haben, weiß einstweilen niemand. Vielleicht sterben seit ewigen Zeiten immer wieder Schimpansen an Anthrax. Daß Menschen Sporen mit in den Wald gebracht haben, ist unwahrscheinlich. Auch bei Nutztieren in dem westafrikanischen Staat sind Milzbrandfälle in den letzten Jahren nicht bekannt geworden. Allerdings könnte die Krankheit entlang von Viehtriebsrouten über "Zwischenwirte" zu den Affen gekommen sein. "Vielleicht ist eine kranke Antilope in einem Wasserloch verendet, und Affen haben das Wasser getrunken", spekuliert Ellerbrok. Er hofft auch auf einen positiven Effekt, nämlich eine größere Angst vor "Buschfleisch" in der Bevölkerung - und damit weniger Wilderei.

          Immer mehr Krankheits- und Todesmeldungen

          Tatsache ist: Man weiß noch immer sehr wenig über Infektionskrankheiten, die wilde Menschenaffen bedrohen. Im Mai trafen sich in Leipzig deshalb erstmals Feldforscher mit Mikrobiologen und Tierärzten. Die "Great Apes Health Monotoring Unit" (Gahmu) wurde ins Leben gerufen. "Wir haben das Ziel, auch die abgelegensten Feldstationen zu vernetzen, um Informationen auszutauschen", sagt Craig Packer von der University of Minnesota. Er ist derzeit auf Geldsuche und hat in den letzten Tagen "von Forschungsorganisationen ermutigende Worte gehört". Derzeit unternehmen die Beteiligten Pilotstudien auf eigene Kosten. Leendertz etwa schickt Feldforschern Plastikröhrchen und untersucht die zurückgesendeten Kotproben.
          Es ist das sprichwörtliche Rennen gegen die Uhr. Beim RKI gehen regelmäßig Krankheits- und Todesmeldungen von Feldstationen ein. In diesem Frühjahr sind auch in Tai erneut Schimpansen gestorben, "eindeutig nicht an Anthrax", sagt Leendertz. Nach dem Erreger wird gerade gesucht.

          Die Affengruppen des Nationalparks sind heute im Vergleich zu der Zeit, als sie erstmals gezählt werden konnten, deutlich kleiner. Die Nordgruppe mit früher mehr als 80 Mitgliedern umfaßt nur noch 18 Individuen, in der Südgruppe sind es noch 34, im Vergleich zu mehr als 60 vor zehn Jahren. "Es ist für uns immer tragisch, wenn auch nur ein Tier stirbt", sagt die Leipziger Verhaltensforscherin Yasmin Möbius. Obwohl der Mensch als Überträger bisher nicht nachgewiesen ist, tragen die Forscher ihre Masken als Vorsichtsmaßnahme durch den Dschungel. Und manchmal gibt es dann auch Lichtblicke. Seit vergangenem Juli sind in der zwischenzeitlich auf vier Tiere geschrumpften "Mittelgruppe" wieder zwei Schimpansen geboren worden.

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