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Meister Isegrim auf der Pirsch : Viel Platz für Wölfe in Deutschland

  • -Aktualisiert am

Freilebende Wölfe im Wildpark Schorfheide in Groß Schönebeck (Brandenburg) Bild: dpa

Der Wolf wird hierzulande wieder heimisch. Abschätzungen zeigen, dass es in deutschen Wäldern Lebensraum für Tausende von Tieren gibt.

          Der Wolf ist zurück. Vor mehr als hundert Jahren hierzulande ausgerottet, ist er zunächst in der sächsischen Lausitz wieder heimisch geworden. Im Jahr 2000 wurde dort das erste Rudel mit Nachwuchs entdeckt. Mittlerweile leben in Deutschland etwa zwei Dutzend Wolfrudel, die meisten in Sachsen und Brandenburg, einige auch in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Damit stellt sich die Frage, wo sich demnächst weitere Wölfe ansiedeln werden und wie viele es schließlich landesweit werden. Dominik Fechter und Ilse Storch von der Universität Freiburg schätzen, dass hierzulande theoretisch zwischen 600 und 9000 Wölfe leben könnten (siehe Artikel in der Online-Zeitschrift „PlosOne“).

          Dass die Forscher in ihren Aussagen so vage bleiben, hat einen einfachen Grund: Niemand weiß genau, wo sich die Wölfe hier zu Hause fühlen könnten. Deshalb präsentieren die Forscher zehn verschiedene Modellrechnungen, die auf unterschiedlichen Annahmen über die aussagekräftigsten Umweltparameter beruhen. Als Grundlage dienen Beobachtungen in der Lausitz, wo sich derzeit die Mehrzahl der Wolfsrudel tummelt. Gewöhnlich beanspruchen vier bis fünf Wölfe - Welpen nicht mitgerechnet - dort ein Gebiet von ungefähr zweihundert Quadratkilometern. Fast immer handelt es sich um waldreiche Regionen, wo wenig Menschen wohnen und kaum eine Straße die Landschaft zerschneide.

          Anpassungsfähig, aber scheu  

          Wenn die Wölfe auch anderenorts nach einem solchen Lebensraum suchen, dürften sie nicht allzu oft fündig werden. In ganz Deutschland könnten dann womöglich kaum mehr als 150 Wolfsrudel leben. Anders als der Luchs zum Beispiel ist der Wolf allerdings kein strikter Waldbewohner. Um erfolgreich auf die Jagd zu gehen, braucht er nicht unbedingt weite Waldgebiete und keine urwüchsigen Wälder mit großen alten Bäumen. In der Lausitz treibt er sich auch in den Hinterlassenschaften des Braunkohletagebaus herum, wo der Wald erst langsam wieder nachwächst, und auf militärischen Übungsplätzen. Vielerorts in Europa suchen die Wölfe nicht nur im Wald oder Buschwerk nach Beute; in Spanien zum Beispiel streifen sie auch gerne durch die Felder, im benachbarten Polen durch Wiesen und Sümpfe.

          Je flexibler sich der Wolf hierzulande zeigt, desto mehr potentielle Reviere lassen sich auf der Landkarte ausmachen. Bei einer Variante der Modellrechnungen wird gar nicht berücksichtigt, ob Wiesen, Wälder oder Siedlungen auf der Karte verzeichnet sind. Stattdessen dient das Straßennetz als Kriterium dafür, ob die Gegend für Wölfe geeignet ist. Deutschlandweit gibt es deutlich mehr als 1000, womöglich sogar bis zu 1800 Areale mit so wenig Verkehrswegen, dass dort ein Wolfsrudel leben könnte. Die Forscher halten diese Zahlen allerdings für zu hoch gegriffen. Zwar gilt der Wolf als anpassungsfähig genug, um in verschiedenartigen Lebensräumen zurechtzukommen. Fraglich ist aber, ob er da als Teil der wilden Natur akzeptiert würde.

          Immer mehr Schäfer müssen ihre Tiere vor Wölfen schützen wie hier bei Vielank in Mecklenburg-Vorpommern.

          Dass er viel häufiger auf Abneigung trifft als Luchs und Wildkatze, belegte kürzlich eine Umfrage des Bundesamtes für Naturschutz. War da nicht etwas mit Rotkäppchen? Doch Wölfe, da sind sich die Fachleute sicher, haben es nicht auf Menschen abgesehen. Sie gehen Joggern und Wanderern möglichst aus dem Weg. Selbst die Wissenschaftler erhaschen nur selten einen Blick auf ihr Forschungsobjekt, meist müssen sie sich mit Spurenlesen begnügen.

          Wölfe auf der Pirsch

          Die sieben Geißlein fürchteten sich dagegen zu Recht. Bei günstiger Gelegenheit vergreifen sich Wölfe durchaus mal an Ziegen oder Schafen. Wo diese Gefahr droht, erhalten Schäfer deshalb finanzielle Zuschüsse für schützende Elektrozäune oder spezielle Hütehunde. Wenn sich der Wolf trotzdem ein Schaf holt, gibt es Entschädigungszahlungen. Gewöhnlich sucht er sich allerdings Wildtiere als Beute, mit Vorliebe Rehe, aber auch junge Hirsche und Wildschweine. Manche Jäger sind darüber so erbost, dass sie diese gesetzlich streng geschützte Tierart nicht in ihrem Jagdrevier dulden wollen. Zumal sie damit rechnen müssen, dass das Wild wachsamer wird, wo auch der Wolf auf die Pirsch geht. Doch selbst wenn bisweilen einer illegal getötet wird oder auf einer Straße unter die Räder kommt - langfristig wird sich der Wolf weiter in Deutschland ausbreiten.

          Quantitativ abschätzen lässt sich der künftige Zuwachs nicht so leicht. Die verschiedenen Prognosen stimmen aber darin überein, dass der Osten und Nordosten am meisten Platz für Wölfe bieten. Einige Mittelgebirge - vom Harz bis zum Schwarzwald - dürften ebenfalls als Lebensraum taugen. Für völlig untauglich halten die Forscher dicht besiedelte Regionen wie das Ruhrgebiet oder das Umland von Frankfurt. Dass mal ein einsamer Wolf auf Wanderschaft vorbeikommt, scheint freilich auch dort nicht ausgeschlossen.

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