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Meerestiere : Alte Knochen voller Leben

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Abgenagte Knochen gelten gewöhnlich als karge Kost. Doch auf dem Meeresgrund sind die Gerippe großer Wale regelrechte Oasen des Lebens. Reich an Fett und sonstiger organischer Substanz, ernähren sie eine Fülle von Lebewesen.

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          Abgenagte Knochen gelten gewöhnlich als karge Kost. Doch auf dem Meeresgrund sind die Gerippe großer Wale regelrechte Oasen des Lebens. Reich an Fett und sonstiger organischer Substanz, ernähren sie eine Fülle von Bakterien, die dann diverse Muscheln, Würmer und andere Meerestiere verköstigen. Erst vor wenigen Jahren entdeckten Meeresbiologen in den Tiefen des Nordpazifiks eine Gattung von Röhrenwürmern, die sich ausschließlich in Knochen festsetzen.

          Unter dem wissenschaftlichen Namen Osedax mucofloris wurde nun auch ein europäischer Vertreter dieser absonderlichen „Knochenfresser“ beschrieben. Entdeckt wurde er erst kürzlich an der schwedischen Küste des Skagerraks. Im Oktober 2003 hatte Thomas Dahlgren vom Meeresbiologischen Laboratorium Tjärnö in Strömstad dort in einer Tiefe von 125 Metern einen gestrandeten Zwergwal versenkt. Gemeinsam mit Wissenschaftlern um Adrian Glover vom Natural History Museum in London studiert er seither das weitere Schicksal seiner Überreste. Mit Hilfe eines ferngesteuerten Roboters inspizierte er sie mehrmals mit einer Videokamera und brachte einzelne Knochen an die Oberfläche.

          Keine Mundöffnung, kein Darmkanal

          Im Sommer 2004 war von dem gut fünf Meter langen Wal nur noch das Skelett übrig. Die ersten Videoaufnahmen ließen allerdings nicht vermuten, daß die toten Knochen voller Leben stecken. Denn bei jeder Störung ziehen sich die zahlreichen Bewohner in ihre schleimigen Röhren zurück. Der dichte Bakterienfilz, der die Knochen überwuchert, bietet dann eine nahezu perfekte Tarnung („Proceedings of the Royal Society of London“, Teil B, Bd.272, S.2587). Kein Wunder also, daß die Röhrenwürmer nicht schon viel früher Aufmerksamkeit erregten. Zwar haben sich Teile von Walskeletten immer mal wieder in Fischernetzen verhakt. Übelriechend und von wenig appetitlichem Aussehen, boten die alten Knochen jedoch keinen sonderlichen Anreiz, sie an Land zu bringen. Dort schrumpfen die nur wenige Millimeter langen Würmer ohnehin rasch zu einem unkenntlichen Fädchen zusammen.

          In einem Aquarium einquartiert, leben die Röhrenwürmer dagegen auf und strecken vier weißliche bis rosafarbene Tentakeln hervor. Über die bürstenartigen Auswüchse, die diesem Kopfschmuck eine beachtliche Oberfläche verleihen, kann Osedax vermutlich gelöste organische Stoffe aus dem Wasser aufnehmen. Nach einer Mundöffnung sucht man nämlich ebenso vergeblich wie nach einem Darmkanal. Neben Muskelsträngen und Blutgefäßen birgt der Wurmkörper jedoch eine Fülle von Eiern - bislang ist Osedax mucofloris nur in weiblicher Form bekannt. Bei seinen etwas stattlicheren Verwandten im Nordpazifik wurden dagegen auch Männchen gefunden, allerdings zwergenhaft kleine, die mit der Partnerin stets eng verbunden bleiben.

          Bevölkerung trotz großer Entfernungen

          Ob sich die europäische Version weniger dauerhaft bindet oder ganz ohne männliches Pendant auskommt, ist ungeklärt. Rasant vermehren kann sie sich zweifellos. Die Aquarienbewohner benötigten nicht länger als einen Monat, ein neues Knochenstück flächendeckend zu besiedeln. In den Tiefen des Meeres sind tote Wale zwar dünn gesät. Offenbar produziert Osedax aber so viel Nachwuchs, daß die weit verstreuten Überreste der großen Meeressäuger nicht lange unbewohnt bleiben. Wie molekulargenetische Untersuchungen belegen, beherbergt der Zwergwal vor der schwedischen Küste sogar Würmer unterschiedlicher Herkunft.

          Entsprechende genetische Analysen zeigen auch, daß die Gattung Osedax eng verwandt ist mit jenen imposanten Röhrenwürmern, die sich in der Tiefsee an vulkanischen Quellen ansiedeln. Mitunter mehr als daumendick und bis zu zwei Meter lang, sind sie wahre Riesen, verglichen mit den winzigen Knochenbewohnern. Wie diese kommen auch die Anwohner heißer Quellen ohne Mundöffnung und Verdauungssystem zurecht. Statt sich ihre Nahrung aus der Umgebung zu holen, lassen sie sich von symbiotischen Mikroorganismen verköstigen. Sie enthalten Bakterien, die aus Kohlendioxyd und Wasser organische Substanz aufbauen. Die chemische Energie für diesen Produktionsprozeß stammt aus der Oxydation von Schwefelwasserstoff. Daß auch die Bewohner von Walknochen von solcher Chemosynthese profitieren, scheint durchaus plausibel. Schließlich schicken sie wurzelartig verzweigte Ausläufer in schwarz verfärbte Knochensubstanz, die wohl reichlich Sulfide enthält. Die Forscher sind davon überzeugt, daß man Würmer der Gattung Osedax noch an vielen Stellen entdecken kann. Wale tummeln sich schließlich fast überall in den Weltmeeren, wenngleich längst nicht mehr so zahlreich wie vor der Ära des Walfangs.

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