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Meeresforschung : Grönlandwale sind träge Jäger

  • -Aktualisiert am

Grönlandwale können doppelt so lange unter Wasser bleiben, wie Finnwale Bild: Ansgar Walk

Wenn die großen Säuger erst einmal das Maul aufgerissen haben und Ruderfußkrebschen hereinströmen lassen, ist für sie keine Eile mehr geboten. Finn- und Blauwale dagegen bevorzugen rasante Sprints bei der Nahrungsaufnahme.

          Grönlandwale waren einst die Lieblingsbeute der Walfänger. Diese zweifelhafte Wertschätzung, die sie frühzeitig an den Rand des Aussterbens brachte, verdankten sie nicht nur einer dicken Speckschicht. Weitaus wertvoller waren ihre bis zu vier Meter langen Barten, randlich ausgefranste Hornplatten, mit denen die Grönlandwale winzige Krebstiere aus dem Wasser filtern. Als sogenanntes Fischbein lieferten sie ein leichtes, biegsames Gerüst für die Korsetts und Reifröcke der Damenwelt. Dass die Grönlandwale mit ihrer gedrungenen Statur recht gemächlich dahinschwimmen, machte sie zu einer besonders leichten Beute.

          Wenn sie selbst auf Beutefang gehen, drosseln sie ihr Tempo noch weiter, um Schwärme von Ruderfußkrebschen möglichst effizient einzusammeln. Das haben Forscher um Marlene Simon von der Universität Aarhus und Mark Johnson von der Woods Hole Oceanographic Institution in Massachusetts kürzlich unweit der Insel Disko beobachtet. Im Frühjahr tummeln sich dort einige der wenigen hundert Grönlandwale, die derzeit an Grönlands Westküste umherstreifen. Von den schätzungsweise acht- bis neuntausend Exemplaren, die mittlerweile wieder das gesamte Nordpolarmeer bevölkern, leben die meisten im Pazifik.

          Flott bis auf 221 Meter Tiefe

          Um einzelnen Grönlandwalen auch unter Wasser auf der Spur zu bleiben, gaben die Forscher ihnen eine entsprechende Apparatur mit auf den Weg. Mit einem Motorboot pirschten sie sich an und versuchten dann, mit einer langen Stange eine kleine Kapsel auf dem Rücken des Wals zu befestigen. Darin verstaut war ein Sortiment von Messgeräten, die den Schlag der Schwanzflosse ebenso registrierten wie Wassertiefe und Bewegungsrichtung. Ein eingebauter Sender erlaubte den Wissenschaftlern, das kostbare Instrumentarium zu orten und aus dem Meer zu fischen, wenn sich die Saugnäpfe wieder von der Walhaut gelöst hatten.

          Die riesigen Merressäuger waren einst die Lieblingsbeute der Walfänger - nicht nur wegen ihrer Speckschicht

          Wie die Aufzeichnungen zeigen, waren die Grönlandwale bis zu 221 Meter tief getaucht. Oft kehrten sie nach einem Ausflug in die Tiefe umgehend wieder an die Oberfläche zurück. Bei einigen Tauchgängen hielten sich die Wale jedoch länger in einer bestimmten Meerestiefe auf. Anscheinend hatten sie dort lohnende Beute entdeckt und sich darüber hergemacht („Proceedings of the Royal Society“, Teil B, Bd. 276, S. 3819).

          Krebstierfang auf vier Quadratmetern

          Solange die Grönlandwale in der Tiefe bleiben, sind sie nur halb so flott wie beim Ab- und Auftauchen. Doch obwohl sie nur noch zwei bis drei Kilometer pro Stunde zurücklegen, schlagen sie schneller als sonst mit ihrer Schwanzflosse. Anscheinend müssen sich die Grönlandwale mächtig ins Zeug legen, weil sie mit weit aufgesperrtem Maul dahinschwimmen. Nicht selten misst die Öffnung, die den Weg zu den vom Oberkiefer herabhängenden Barten freigibt, mehr als vier Quadratmeter. Durch den gewaltigen Filterapparat strömen mehr als drei Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Den winzigen Ruderfußkrebsen wird dabei der Rückweg ins Meer versperrt, während das Wasser ungehindert abfließt.

          Nach den Berechnungen der Forscher tun die Wale gut daran, die ertragreiche Filterarbeit ruhig angehen zu lassen. Würden sie doppelt so schnell schwimmen, könnten sie pro Sekunde zwar doppelt so viel Wasser filtern. Aber gleichzeitig würde sich ihr Energieaufwand verachtfachen. Da die winzigen Krebstiere, auf die es die riesigen Meeressäuger abgesehen haben, pro Sekunde nur wenige Millimeter zurücklegen, ist keine Eile geboten. Wenn Grönlandwale einen großen Schwarm aufgespürt haben, schwimmen sie oft mehr als zehn Minuten mit weit geöffnetem Maul hindurch. Insgesamt können sie mühelos mehr als zwanzig Minuten unter Wasser bleiben.

          Ein anderer Typ von Bartenwalen, zu dem Finn- und Blauwal zählen, hält dagegen nichts vom gemächlichen Dahinschwimmen. Auffallend stromlinienförmig, können die Furchenwale auch mobilere Krebstiere erbeuten und sogar kleine Fische, Heringe zum Beispiel. Wenn sie in dichte Schwärme solcher Beutetiere hineinpreschen, reißen sie ihr Maul nur kurzzeitig sperrangelweit auf. Erwachsene Blauwale können so auf einen Schlag rund 70.000 Liter fassen, was etwa siebzig Prozent ihrer Körpermasse entspricht. Bei den rasanten Sprints beschleunigen sie ihren rund hundert Tonnen schweren Körper bis auf 14 Kilometer pro Stunde. Finnwale erreichen sogar Geschwindigkeiten bis zu 38 Kilometer pro Stunde. Dass sie ihre gewaltige Masse derart in Fahrt bringen und dabei ihr Maul ordentlich voll nehmen, kostet sie freilich viel Stoffwechselenergie. Obwohl ähnlich groß wie ein Grönlandwal, können sie deshalb nur halb so lang unter Wasser bleiben.

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