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Meeresechsen : Verhängnisvolle Arglosigkeit

  • -Aktualisiert am

Meeresechsen in Galapagos: Streunende Vierbeiner sind für sie lebensbedrohlich Bild: Marc Figueras, GNU Free Documentation License

Den Meerechsen auf Galapagos fehlt das Vermögen sich an neue Umweltbedingungen anzupassen. Die behäbigen Strandbewohner lernen nur mühsam; gegen streunende Hunde und Katzen haben sie keine Chance.

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          Die Begegnung mit Menschen und ihrem vierbeinigen Anhang ist der Fauna etlicher einst abgeschiedener Inseln schlecht bekommen. Manchen Tieren wurde nicht zuletzt ihre Arglosigkeit zum Verhängnis. Deswegen fielen sie den Eindringlingen zum Opfer. Wissenschaftler um Thomas Rödl von der Princeton University (New Jersey) und Silke Berger von der Universität Ulm sind nun der Frage nachgegangen, ob Tiere, die von Natur aus zutraulich sind, notfalls wieder eine angemessene Scheu entwickeln können.

          Während eines Forschungsaufenthalts auf den Galapagosinseln studierten sie die Fluchtbereitschaft der dort heimischen Meerechse (Amblyrhynchus cristatus). Dabei stellte sich heraus, dass diese Reptilien auch unter dem Eindruck misslicher Erfahrungen recht arglos bleiben und daher für streunende Hunde eine leichte Beute darstellen.

          Streunende Hunde und Katzen sind die Gefahr

          Da sich die Meerechsen von Algen ernähren, tummeln sie sich im Strandbereich. Als Untersuchungsobjekte wählten die Forscher männliche Exemplare, die ein Revier zu verteidigen wissen und dort Weibchen um sich scharen. Solche ausgewachsenen Männchen sind mehr als einen Meter lang und bis zu zwölf Kilogramm schwer. Damit sind sie längst der Gefahr entwachsen, die jungen Meerechsen von Reihern und Falken droht. Unbehelligt bleiben sie heutzutage jedoch selten: An den meisten Stränden sind sie durch verwilderte Hunde und Katzen gefährdet.

          Wo die Meerechsen solchen Angreifern noch nie begegnet sind, muss man sich ihnen oft bis auf einen Meter nähern, um sie aufscheuchen zu können. In Siedlungsnähe, wo streunende Hunde die Meerechsen arg dezimieren, entdeckten die Wissenschaftler etliche totgebissene und verletzte Tiere. Erstaunlicherweise machte es aber auch dort keinen Unterschied, ob zudringliche Menschen allein kamen oder einen Hund an der Leine führten.

          Erhöhte Konzentration von Stresshormonen

          Mit etwa vier Metern war die Fluchtdistanz zwar größer als an entlegenen Stränden, angesichts der akuten Gefahr aber immer noch bemerkenswert gering („Proceedings of the Royal Society“, Teil B, Bd. 274, S. 577). Völlig unbeeindruckt blieben die Echsen jedoch nicht. In Blutproben, die man ihnen nach einer Verfolgungsjagd entnommen hatte, war die Konzentration des Stresshormons Corticosteron deutlich erhöht.

          Meerechsen, die minder riskantes Terrain bevölkern, gaben sich noch deutlich gelassener. Wurden sie lediglich über die Felsen gescheucht, ließ das den Corticosterongehalt ihres Blutes nicht steigen. Dieser erhöhte sich nur dann, wenn sie auch eingefangen und eine Viertelstunde lang in einen Sack gesperrt wurden.

          Lernfähig nach Gefahrenkonfrontation

          Nach solch einem Erlebnis zeigten sich die Meerechsen auch einige Wochen später noch deutlich schreckhafter. Sie bewahrten eine größere Fluchtdistanz und reagierten auf Bedrohungen, die sie einst völlig unbeeindruckt gelassen hatten: Wie bei Artgenossen, die in Stadtnähe leben, stieg der Corticosterongehalt ihres Blutes nach einer Verfolgungsjagd merklich an.

          Mit neuen Gefahren konfrontiert, sind die Meerechsen der Galapagosinseln also durchaus lernfähig. Doch obwohl sie mehr Stresshormone bilden und ihre Fluchtdistanz vergrößern, lassen sie sich noch immer ohne viel Mühe fangen. Die Fähigkeit, rechtzeitig das Weite zu suchen, ist ihnen anscheinend verlorengegangen. Schließlich haben Tiere dieser Art praktisch seit Jahrmillionen nicht mehr um ihr Leben laufen müssen.

          Rücksicht auf ihre begrenzte Anpassungsfähigkeit

          Unter einem Felsbrocken zu verschwinden, wenn sich ein Falke zeigte, oder auszuweichen, wenn ein Seelöwe über den Strand robbte, reichte völlig aus. Dieses Verhaltensrepertoire taugt jedoch nicht dazu, sich vor flinken Vierbeinern wie Hund und Katze in Sicherheit zu bringen. Wahrscheinlich sind manch andere Inseltiere in gefährlichen Situationen ebenso überfordert. Wer die Tiere wirksam schützen will, muss wohl Rücksicht nehmen auf ihre begrenzte Anpassungsfähigkeit.

          Gerade ist eine Delegation der Unesco bei einem Besuch auf den Galapagosinseln zu dem Ergebnis gekommen, dass dieses Welterbe unter anderem durch invasive Arten, zunehmende Besiedelung und unkontrollierten Tourismus gefährdet ist. Im Sommer will man auf einer Tagung in Christchurch (Neuseeland) über Konsequenzen beraten.

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