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Lyme-Borelliose : Die unheilvolle Sommerfracht

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Dreidimensionales Kryo-Elektronen-Tomogramm von Borrelien Bild: Universitätsklinikum Heidelberg

Zecken übertragen Lyme-Borrelien, die sehr viel mehr Krankheiten auslösen als lange vermutet. Die erste fundierte Schätzung im Land zeigt zudem: Die Blutsauger übertragen noch mehr gefährliche Bakterien.

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          Wenn die Temperaturen wieder steigen, naht der große Auftritt der Zecken. Jedes Jahr vergällen diese Plagegeister vielen Wanderern und Spaziergängern die Freude an der Natur. Zwar wird das Risiko eines Zeckenstichs häufig überschätzt, es aber auszublenden wäre leichtsinnig. Schließlich ist mit den von den Blutsaugern häufig übertragenen Krankheitserregern nicht zu spaßen. Neben FSME-Viren, gegen die es immerhin schon lange eine Impfung gibt, sind es Borrelia-Bakterien, die schwere Gesundheitsschäden hervorrufen können - die Lyme-Borreliose. Was die Zahl der jährlichen Erkrankungen an Lyme-Borreliose in Deutschland betrifft, liegt nun erstmals eine fundierte Schätzung vor. Sie wirkt beunruhigend. Und das ist nicht die einzige schlechte Nachricht.

          Widersprüchliche Zahlen

          Bisher gab es nur recht vage Angaben zur Häufigkeit der Lyme-Borreliose. Oft wurden 60 000 bis 100 000 Neuerkrankungen pro Jahr genannt. Es existieren aber auch höhere und niedrigere Schätzungen. Wählte man als Maßstab die Zahlen aus den neuen Bundesländern, wo die Krankheit meldepflichtig ist, ergäben sich für ganz Deutschland nur etwa 28 000 Fälle pro Jahr. Damit würde die tatsächliche Häufigkeit nach Überzeugung von Fachleuten grob unterschätzt. Zusammen mit anderen Forschern hat nun Klaus-Peter Hunfeld vom Nordwestkrankenhaus Frankfurt am Main versucht, zu einer verlässlicheren Aussage zu kommen. Als Grundlage dienten Zahlen, die von der Deutschen Angestellten-Krankenkasse in den Jahren 2007 und 2008 bei ihren bundesweit gut sechs Millionen Mitgliedern erhoben worden waren.

          Unterschätzes Risiko

          Eine frische Infektion mit Borrelien wurde in den beiden Jahren jeweils bei durchschnittlich 15 700 Versicherten diagnostiziert. Daraus kann man, wie die Forscher um Hunfeld in der Zeitschrift „Clinical and Developmental Immunology“ (doi: 10.1155/2012/595427) berichten, auf jährlich rund 214 000 neue Erkrankungen in Deutschland schließen. Natürlich ist auch diese Schätzung mit Unsicherheiten behaftet, etwa infolge falscher Diagnosen. Gleichwohl übertrifft sie die Zahlen, die bislang in der medizinischen Literatur kursierten.

          Wildwuchs in der Diagnostik

          Die Diagnosen erfordern einen hohen Preis, und zwar nicht nur im wahren Sinne des Wortes. Das ist ebenfalls ein bedrückendes Ergebnis der neuen Studie. Wie die Forscher nämlich ermittelt haben, gibt es einen Wildwuchs bei der Labordiagnostik. Allein in Deutschland bieten rund fünf Dutzend Firmen serologische Tests an, die fleißig genutzt werden. Die Borreliose dürfte die Kassen hierzulande jährlich gut 50 Millionen Euro kosten, schreiben die Forscher. Den weitaus größten Teil dieser Summe verschlingen die Labortests.

          Überträger des Erregers der FSME und der Lyme-Borreliose: eine Zecke auf dem Weg zum Blutmahl
          Überträger des Erregers der FSME und der Lyme-Borreliose: eine Zecke auf dem Weg zum Blutmahl : Bild: dpa

          Teuer bedeutet aber nicht zwangsläufig gut, wie sich ebenfalls zeigte. Die Auswertung von Daten aus mehreren hundert Laboratorien führte zu einem deprimierenden Ergebnis: Im Routinebetrieb kommt es zu vielen falsch-positiven und falsch-negativen Resultaten. Häufig wird also eine Lyme-Borreliose fälschlich diagnostiziert oder aber übersehen. In jedem Fall sind die Folgen für die Patienten erheblich. Die Forscher fordern daher gesetzlich vorgeschriebene, genauere und unabhängige klinische Bewertungen für neu auf den Markt drängende Tests.

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