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Lyme-Borelliose : Die unheilvolle Sommerfracht

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Den meisten Leitlinien zufolge sollten Labortests eigentlich nur dabei helfen, die auf andere Weise erfolgte Diagnose einer Lyme-Borreliose zu ergänzen. Im Vordergrund steht die Wanderröte, die sich bald nach dem Zeckenstich ausbreitet. Sie ist kennzeichnend für rund 80 Prozent der Lyme-Borreliosen und für erfahrene Ärzte meist so eindeutig, dass zusätzliche Labortests überflüssig erscheinen. Aber es mangelt offenbar an Kompetenz: „Die Kenntnisse in Bezug auf klinische Diagnostik und Laboruntersuchungen sind denkbar schlecht“, sagt Hunfeld. Nicht oder unzulänglich behandelt, kann die Infektion auf Nervensystem und Gelenke schlagen.

Büchse der Pandora

Nicht erfreulich klingt auch eine Nachricht, mit der Wissenschaftler um Franz-Rainer Matuschka von der Charité aufwarten. Die Berliner Parasitologen haben schon in den vergangenen Jahren viel zu der Erkenntnis beigesteuert, dass Zecken hierzulande mehrere unterschiedliche Arten von Borrelien übertragen können. Neue Untersuchungen nähren nun den Verdacht, die Blutsauger ebneten noch anderen potentiellen Krankheitserregern den Weg in den Körper des Menschen. Matuschka spricht daher von der „Büchse der Pandora“. Zu den unangenehmen Kandidaten gehört ein noch kaum erforschtes, vorläufig als Neoehrlichia mikurensis bezeichnetes Bakterium. Bislang sind in Europa erst wenige Erkrankungen beim Menschen dokumentiert worden. Der Erreger scheint die Wand von Blutgefäßen anzugreifen, was sich etwa in Thrombosen und Blutungen unter der Haut äußert.

Menschlicher Makrophage: Solche Immunzellen sind mit die ersten, die auf die Sars-CoV-2-Infektion reagieren, und sie setzen einen unheilvolles Immunchaos in Gang.
Menschlicher Makrophage: Solche Immunzellen sind mit die ersten, die auf die Sars-CoV-2-Infektion reagieren, und sie setzen einen unheilvolles Immunchaos in Gang. : Bild: dpa

Ein seltener Erregeger

Die Berliner Forscher sammelten in Deutschland und etlichen anderen europäischen Ländern mehrere hundert Zecken im Freiland. Etwa jede fünfte enthielt Borrelien. Bei immerhin sechs Prozent fand sich Neoehrlichia. Ähnlich war die Verteilung bei mehr als einhundert Zecken, die schon an Menschen Blut gesaugt hatten. Matuschka und seine Mitarbeiterin Dania Richter kommen zu dem Ergebnis, dass bei etwa jedem zwölften Zeckenstich eine Übertragung von Neoehrlichia mikurensis möglich erscheint (“Journal of Clinical Microbiology“, doi: 10.1128/JCM.05802-11).

Zur Gefahr könnten diese Bakterien für Menschen mit schwachem Immunsystem werden, befürchten die Berliner Wissenschaftler. Zur Risikogruppe rechnen sie zum Beispiel Patienten mit rheumatischen Leiden, Diabetes und Krebs sowie betagte Menschen. Für Gesunde dürfte das Erkrankungsrisiko durch Neoehrlichia glücklicherweise klein sein. Keine der Personen, die von einer der untersuchten infizierten Zecken gestochen worden war, hatte Symptome gezeigt. Die Bakterien werden anscheinend nicht sofort übertragen, wenn die Zecke zu saugen beginnt.

Seltener Übertragungsweg

Eher positiv stimmt auch ein anderer Befund der Forschergruppe um Matuschka. Bisher war nicht klar gewesen, ob Zeckenweibchen, die mit dem Erreger der Lyme-Borreliose infiziert sind, die Bakterien mit den Eiern vererben. Nach neuen Erkenntnissen der Forscher dürfte das allenfalls extrem selten der Fall sein. Wenn also eine Zecke schon im Larvenstadium die gefährlichen Lyme-Borrelien aufweist, dann hat sie diese höchstwahrscheinlich zuvor beim Saugen an einem infizierten Nagetier aufgenommen (“Vector-Borne and Zoonotic Diseases“, doi: 10.1089/vbz.2011.0668). Die unheilvolle Fracht wird also wenigstens nicht von Generation zu Generation weitergereicht.

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