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Lebensmittelindustrie : Ist da auch garantiert kein Schwein drin?

  • -Aktualisiert am

Bild: Daniel Nauck

Schweine-DNA im Traubensaft? Wer sich als Muslim nach den Regeln des Korans ernährt, will sich beim Einkauf sicher sein. Für manche Unternehmen der Lebensmittelindustrie tut sich ein Geschäft auf, das lukrativer ist als der Handel mit „Bio“-Produkten.

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          Manchmal ist simple Marktforschung erhellender als ein Dutzend Integrationsgipfel. Besonders, wenn es dabei ums Essen geht. Als kürzlich in Hannover auf einem „Halal-Symposion“ ein Redner behauptete, „für die jüngere Generation der Deutschtürken“ sei „die Einhaltung religiöser Gebote nicht so wichtig wie für die erste Generation“, meldete sich ein Zuhörer: Das könne so nicht stimmen, denn „der Absatz mit Halal-Lebensmitteln steigt“. Beifälliges Nicken im Saal.

          Halal-Symposion? Halal-Lebensmittel? Der arabische Begriff „halal“ oder „helal“ im Türkischen bedeutet „das Zulässige, das Erlaubte“ und bezieht sich auf die ganze Lebensweise eines Muslims. Je mehr er nach der im Koran vorgeschriebenen Art lebt, desto eher kommt er im Jenseits ins Paradies. Dazu gehört auch eine entsprechende Ernährung. Das Schlachten von Tieren obliegt bestimmten Vorschriften, ähnlich wie im orthodoxen Judentum. Das Gegenstück von halal ist haram und bedeutet „das Unzulässige, das Verbotene“. Haram sind beispielsweise Alkohol und Schweinefleisch.

          Was erlaubt ist, und was nicht

          „Die Speisevorschriften sollen eine gesunde Ernährung fördern und das Leben der Muslime auf dem Wege Gottes erleichtern“, sagt Djavad Mohagheghi von der Islamischen Akademie Deutschland. In der Praxis allerdings ist die Sache kompliziert. So herrschte unter den etwa 90 Vertretern der Lebensmittelbranche und Wissenschaftlern, die auf Einladung der Marketinggesellschaft der Niedersächsischen Land- und Ernährungswirtschaft nach Hannover gekommen waren, um dort über die „Marktpotentiale muslimkonformer Lebensmittel“ zu diskutieren, keineswegs Einigkeit darüber, was denn nun genau unter halal zu verstehen ist - und wie man „das Erlaubte“ unter den Bedingungen der Diaspora an die Rechtgläubigen bringt.

          Das fängt schon mit dem Schächten an. Ursprünglich sah die Halal-Vorschrift vor, dass dabei ein Muslim unter Anrufung Allahs dem nach Mekka gerichteten Tier ohne Betäubung Halsblutgefäße, Speise- und Luftröhre mit einem Schnitt durchtrennt. Betäubungsloses Schlachten ist in Deutschland aber verboten. Ausnahmeregelungen für religiöse Gruppierungen werden in den wenigsten Fällen erteilt. Grundsätzlich ist die Befürchtung islamischer Vertreter, das Tier würde durch eine Betäubung zwangsläufig sterben. Ein bereits verstorbenes Tier zu schlachten gilt aber als haram - also auch der Bolzenschuss, der in Deutschland vor der Schlachtung ins Gehirn des Tieres abgegeben wird. Als Ausweg wurde in Hannover diskutiert, ob man nicht auf andere Betäubungsarten mittels Strom oder Gas zurückgreifen solle.

          Schweine-DNA im Traubensaft

          Doch nicht nur bei der Schlachtung steckt der Teufel im Detail. Produkte vom Schwein sind verboten, aber in mehr Lebensmitteln zu finden, als die Liste der Inhaltsstoffe verrät. Schweinegelatine findet nicht nur Verwendung in Gummibärchen, sondern auch in Bereichen, in denen man sie nicht vermutet: Sie wird beispielsweise als Filtrierhilfsmittel zur Klärung von Apfel- und Traubensäften eingesetzt, so dass sich Spuren von Schweine-DNA im Saft wiederfinden können. Enzyme und Nährmedien, die in der Lebensmittelindustrie gebräuchlich sind, können tierischen Ursprungs sein. So sollten Nährmedien keine Schweineproteine enthalten, und Enzyme etwa für die Käseherstellung sollten nur aus den Mägen von halal geschlachteten Kälbern stammen. Produktionsanlagen dürfen nicht mit Ethanol, dem Trinkalkohol, desinfiziert werden. Und so weiter.

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