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Lebenserwartung : Eine Eintagsfliege unter Vierfüßern

Ein Labord‘s Chamäleon, Furcifer labordi, der Wissenschaft eigentlich seit mehr als hundertdreißig Jahren bekannt Bild: dpa

An die Eintagsfliege zu denken haben wir uns gewöhnt, wenn es um kurze Lebenszeitspannen geht, die Lebewesen zugestanden sind. Nun können wir dafür auch ein Tier heranziehen, das bereits wegen anderer Qualitäten im moralisierenden Bestiarium seinen Platz hatte: ein Chamäleon.

          Das Labord's Chamäleon aus dem extrem trockenen Südwesten Madagaskars hat gewiss einen der ungewöhnlichsten Lebensverläufe unter den rund 28 000 vierfüßigen Wirbeltieren: Es verbringt neun Monate im Ei und lebt nach dem Schlüpfen zu Beginn der Regenzeit höchstens noch fünf Monate. Innerhalb von acht Wochen werden die Tiere geschlechtsreif. Männchen erreichen einer Körperlänge von knapp 14 Zentimeter (mit einem Schwanz von gut 24 Zentimetern Länge), Weibchen werden etwas mehr als halb so groß.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das Labord‘s Chamäleon, Furcifer labordi, ist der Wissenschaft seit mehr als hundertdreißig Jahren bekannt. Trotzdem war der außergewöhnliche Lebenswandel der Tiere in Freiheit kaum bekannt. Auch Kristopher Karsten von der Oklahoma State University in Stillwater, der über seine jüngsten Beobachtungen in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften (Bd.105, S.8980) zusammen mit Christopher Raxworthy vom American Museum of Natural History in New York berichtet, musste sich erst mühsam auf die Suche dieser wegen ihrer Farbwechsel und heimlichen Lebensweise perfekt getarnten Reptilien machen.

          Synchrones Massensterben nach fünf Monaten

          Knapp drei Dutzend der Tiere hatten er und seine madagassischen Mitarbeiter rund dreißig Kilometer nördlich der Hafenstadt Tulear schließlich entdeckt. Doch während der Trockenzeit ließen sich keine Tiere sehen. Erst am 11. November, pünktlich zu Beginn der Regenzeit, tauchten die Jungtiere auf. Offenkundig waren alle Eier zur gleichen Zeit schlüpfreif. Keine Spur hingegen von ausgewachsenen Exemplaren.

          Bald nach dem Schlüpfen schon auf der Jagd nach Insekten

          Die Jungtiere machten sich sogleich pausenlos auf die Jagd nach Insekten, legten rasch an Gewicht und Länge zu und paarten sich schließlich zwei Monate später. Im März legten die untersuchten Weibchen ein gutes Dutzend Eier ab. Und schon Tage später, Ende März, kam es zu einem synchronen „Massensterben“ der ausgewachsenen Chamäleons - Männchen wie Weibchen.

          Komprimierte Lebensläufe

          Kristopher Karsten und seine Kollegen mussten lange nachschlagen, ehe sie Wirbeltiere mit vergleichbar komprimierten Lebensläufen fanden. Von Beuteltieren kennt man einige Arten, allerdings ist das Phänomen dort auf die Männchen beschränkt. Auch elf Echsenarten sind schon länger bekannt, die nur etwa ein Jahr oder etwas länger leben. Doch gibt es nach den Recherchen der Forscher bislang keine Hinweise auf eine nur vier- bis fünfmonatige postembryonalen Lebensphase unter landlebenden Wirbeltieren.

          Karsten hält es für denkbar, dass ähnliche, wenn auch weniger extreme Kurzlebigkeit unter Chamäleons weiter verbreitet ist: „Damit wären möglicherweise auch die vielen ungewöhnlich frühen und plötzlichen Todesfälle zu erklären, über die Terrarianer bei ihren Tieren immer wieder berichten.“ nNicht alle Chamäleons freilich sind erwiesenermaßen kurzlebig. Viele werden viele Jahre alt, auch auf der afrikanischen Insel Madagaskar, die als Hotspot der Reptilien- und Amphibienvielfalt gilt. Annähernd die Hälfte der mehr als 160 bekannten Chamäleonspezies lebt auf der ostafrikanischen Insel - darunter die kleinste Art der Welt, das nur anderthalb Zentimeter lange bodenbewohnende Zwergchamäleon Brookesia minima und das größte bekannte Baumchamäleon der Welt, das Riesenchamäleon, mit fast siebzig Zentimetern Körperlänge.

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