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Kunstrasen : Nach der Graswurzelbewegung

  • -Aktualisiert am

Künstliches Grün: Muss nicht gemäht, aber trotzdem gepflegt werden. Bild: action press

Beckenbauer hatte einst mit ihm zu kämpfen, nun müssen die Frauen auf eine WM auf Kunstrasen ausrichten. Drohen ihnen durch diesen Belag nun mehr Verletzungen?

          Jetzt rollt der Ball also. Seit gestern kämpfen die Frauen in Kanada um die Fußball-Weltmeisterschaft. Dabei hatten mehr als fünfzig Nationalspielerinnen aus verschiedenen Ländern öffentlich gegen die Austragung protestiert, sie gingen sogar so weit, ein regionales Gericht für Menschenrechte im kanadischen Toronto anzurufen. Sie warfen dem Weltfußballverband Fifa vor, „diskriminierend und sexistisch“ zu sein. Im Januar wurde die Klage der Frauen gegen die Fifa jedoch zurückgewiesen.

          Es ging in diesem Fall nicht um Korruption und Schmiergelder, sondern um ganz Bodenständiges: den Rasen. Denn die Frauen müssen bei diesem Weltturnier erstmals auf spröden Kunstfasern antreten, während die Männer weiterhin auf liebevoll getrimmten Grashalmen spielen. Der in der vergangenen Woche zurückgetretene Präsident Joseph Blatter sah in dem Plastikbelag die Zukunft des Fußballs. Dasselbe hatte er vor Jahren auch über den Frauenfußball gesagt, so dass nach Blatters Vorstellung nun Zukunft auf Zukunft treffen sollte.

          Keine, die willkommen ist: Die deutsche Torhüterin Nadine Angerer verglich den Kunstrasen im Final-Spielort Vancouver mit Beton, andere Nationalspielerinnen beklagten sich über häufige Schürfwunden, stumpfes Geläuf und eine höhere Verletzungsgefahr. Das war der Grund, weshalb sie eine Art Graswurzelbewegung gegen die Fifa gründeten, wenn auch erfolglos. Aber ist das schlechte Image des Kunstrasens gerechtfertigt? Drohen mehr Verletzungen?

          Lieber Asche als Kunsthalme

          Noch gibt es keine Langzeitstudie über die Gefahren des Fußballspielens auf Plastikfasern. Auf Anhieb wüsste auch Biomechaniker Wolfgang Potthast von der Deutschen Sporthochschule in Köln nicht, wie eine solche Studie umzusetzen wäre. Dafür seien einerseits die Kunstrasenplätze selbst und andererseits die Naturrasenplätze zu unterschiedlich beschaffen, als dass man sie miteinander vergleichen könnte. Zudem komme erschwerend hinzu, dass Verletzungen selten auf einen einzigen Grund zurückzuführen seien. „Man kann eben nicht sagen, dieses Kreuzband ist nur wegen des schlechten Untergrunds gerissen“, sagt Potthast.

          Als ehemals aktiver Fußballer kennt er die Vorbehalte der Spieler – und niemanden, der lieber auf Kunstrasen denn auf Natur spielt. Das hat teilweise historische Gründe: „Die ersten Plätze waren eine Katastrophe“, sagt er. In den siebziger und achtziger Jahren bestanden sie in der Hauptsache aus Beton und Teppich. „Da haben wir doch lieber auf Asche gespielt.“

          Die Kunstrasenplätze der ersten Generation, wie sie in der Fachwelt genannt werden, waren nichts anderes als minderwertiger Baumarktfilz. Der erste seiner Art wurde 1966 in Houston ausgerollt. Im technikbegeisterten Amerika ersetzten in den siebziger Jahren etliche Stadien Gras durch Nylon. Wie sehr dies das Spiel veränderte, musste Franz Beckenbauer bitter erfahren, als er 1977 nach New York wechselte. Seine gefürchteten langen, hohen Beckenbauer-Pässe flogen zunächst weder hoch noch weit: Er kam mit dem Schuh einfach nicht richtig unter den Ball. Und seine Flachpässe schossen regelmäßig über das Ziel hinaus.

          Der Rasenersatz wird immer raffinierter

          Auch in England, im Mutterland des Fußballs, wo man die Rasenpflege bis zur Perfektion betreibt, machten die Vereine eher schlechte Erfahrungen. Vier Kunstrasenplätze wurden Anfang der achtziger Jahre in der Premier League installiert. Die Spieler beschwerten sich prompt über ein glitschiges, gefährliches und sich förmlich in die Haut einbrennendes Kunststoffgeläuf, und auch die Fans kehrten ihren Vereinen den Rücken. Zurück zur Natur, lautete das Motto daraufhin. Und der Weltverband Fifa, der europäische Verband Uefa sowie zahlreiche nationale Verbände verboten die Kunstrasenplätze sogar.

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